Soziale Medien

Süchtig nach Snapchat, Instagram & Co.: Macht Social Media abhängig?

Rund 100.000 Kinder und Jugendliche verbringen täglich fast drei Stunden mit sozialen Medien. An erster Stelle stehen WhatsApp, Instagram und Snapchat. Aber kann diese Beschäftigung so süchtig wie Alkohol oder Zigaretten machen?

© iStock-dolgachov

Mädchen tun es über drei Stunden am Tag, Jungen dagegen nur knapp 2,5 Stunden: sich in den sozialen Medien aufhalten – je älter sie werden, desto mehr „konsumieren“ sie davon. Das ergab eine aktuelle Studie der DAK-Gesundheit und des Deutschen Zentrums für Suchtanfragen (UKE). Doch was bedeutet das genau? Heißt es, dass die neuen Medien süchtig machen? Und wenn ja: Gibt es ähnliche körperliche Folgen, wie bei den klassischen Suchtmitteln Alkohol und Zigaretten?

Was passiert im Körper?

Feststeht: Das Risiko, eine Art Abhängigkeit zu entwickeln, ist umso größer, je mehr Zeit die jungen Menschen online verbringen. Die Betroffenen können dann – ähnlich wie auch bei der Spielsucht – nicht mehr aufhören und chatten, posten, liken bis tief in die Nacht. Die aktuelle Studie hat die Folgen dieses Verhaltens untersucht. Das Ergebnis: Es besteht tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Social Media-Nutzung und Depressionen. Aber nicht nur das: Auch die zwischenmenschlichen Auswirkungen sind enorm. So sind den Forschungsergebnissen zufolge acht Prozent der Befragten mit all ihren Freunden ausschließlich über Social Media in Kontakt. 13 Prozent sind unglücklich, wenn sie nicht online sind, und jeder Fünfte streitet sich sogar mit seinen Eltern darüber. Hinzu kommt: Apps wie Instagram und Snapchat lassen die jungen Nutzer im Glauben, dass andere ein Bilderbuch-Leben führen: schön, reich, beliebt. Dies kann dem eigenen Selbstwertgefühl schaden. Stress, ein schlechtes Gedächtnis und Konzentrationsschwierigkeiten gelten als weitere Auswirkungen einer übermäßigen Smartphone-Nutzung.
 
„Kinder müssen lernen, mit digitalen Medien umzugehen. […] Aber auch Eltern, Lehrer und Erzieher brauchen Unterstützung, damit sie Kinder auf ihrem Weg zu medienkompetenten Anwendern begleiten“, schreiben die Verfasser der Studie. Aber auch die Entwickler der sozialen Medien selbst scheinen um die Gefahr der neuen Sucht Bescheid zu wissen. So warnte Sean Parker, ehemaliger Gründungspräsident von Facebook: „Nur Gott weiß, was es mit den Hirnen unserer Kinder anstellt.“ Er selbst würde soziale Medien komplett verweigern – so wie es einst Apple-Gründer Steve Jobs getan hat. Und auch der Erfinder des Like-Buttons, Justin Rosenstein, sagt: „Es kommt oft vor, dass Menschen mit den besten Absichten Dinge erfinden, die später negative Auswirkungen haben.“

Wie lässt sich die Social Media-Sucht bekämpfen?

So riefen Anfang 2018 ausgerechnet die Tech-Entwickler im Sillicon Valley das Center für Humane Technology ins Leben. Das erklärte Ziel: den Nutzern zu helfen, neueste Technologien richtig zu verwenden. „Technology is hijacking our minds and society“ (Technologie entführt unsere Gedanken und die Gesellschaft) – mit diesen Worten begrüßt die Startseite der Organisation seine Besucher. Doch welche Tipps könnten dem Zentrum für humane Technologie zufolge helfen, der Internetsucht zu entkommen? Die Organisation rät etwa, das Smartphone-Display auf grau zu stellen. Mit weniger Reizen könne man dem Drang eher widerstehen, ununterbrochen das Mobilgerät zur Hand zu nehmen. Ebenso hilfreich soll es sein, die Social Media-Apps nicht auf dem Homescreen anzulegen, sodass man die Anwendungen über die Suche aufrufen muss. Auch die Politik sollte auf die Technologie-Unternehmen Druck ausüben, die negativen Auswirkungen der technischen Entwicklungen in ihrem Business-Plan zu berücksichtigen und für besseren Schutz zu sorgen. Vor allem aber soll sich diese neue Form der Sucht im öffentlichen Bewusstsein verankern – erst dann könne man dagegen ankämpfen.
 
Klingt alles nachvollziehbar – aber wer konkrete Handlungsvorschläge für sich selbst oder die Erziehung seiner Kinder sucht, wird hier vermutlich weniger fündig. Die Suchtexpertin Tagrid Leménager rät jedem einzelnen, in erster Linie die Push-Nachrichten der Apps auszuschalten, da diese Benachrichtigungen zur reflexartigen Nutzung führen. Das Problem: Wer einmal auf seinem Smartphone nachschaut, wird dazu verführt, ausgiebig durch alle Kanäle zu surfen. Denn so sind die Anwendungen konzipiert: Likes oder Kommentare führen immer wieder zu neuen Posts.
 
Eher paradox scheint dieses Suchtbekämpfungsmittel zu sein: Eine App gegen das digitale Verlangen. Klingt fast so, als würde man seine Lust nach Zigaretten mit Hilfe von Nikotin bekämpfen wollen. Aber der Ansatz geht in eine andere Richtung. Die App Menthal zeichnet unsere tägliche Smartphone-Nutzung auf, gibt Auskunft, ob wir bereits süchtig sind und liefert eine Art Anleitung zur Selbstkontrolle. 

Bin ich süchtig? Das sind die Anzeichen

Natürlich braucht man nicht unbedingt technische Geräte, um seinen Suchtgrad herauszufinden. Viele Webseiten bieten zwar mittlerweile Selbsttests an, aber auch der normale Menschenverstand gibt Antwort auf die Frage – solange man selbstkritisch bleibt. Diese Anregungen können dabei helfen:
 
  • Beschäftige ich mich gedanklich ununterbrochen mit meinem Handy, bzw. meinen Social Media-Accounts?
  • Habe ich Entzugserscheinungen (Stress, Nervosität, Unruhe), wenn ich keinen Zugang zu meinen Apps habe oder bilde ich mir sogar ein, dass mein Handy geklingelt/vibriert hat (auch Ringxiety genannt)?
  • Bekomme ich Panik, wenn ich mein Smartphone nicht dabeihabe – hier sprechen Experten von Nomophobie?
  • Vernachlässige ich meine sozialen Kontakte oder meinen Beruf / meine Ausbildung?
  • Bin ich deprimiert, wenn ich nicht genügend Likes bekomme?
  • Leugne ich gegenüber meiner Familie oder Freunden, dass ich die ganze Zeit online bin?
  • Habe ich schon öfters den Versuch gestartet, die Smartphone-Nutzung einzuschränken, ohne dass er jemals von Erfolg gekrönt war?
  • Muss ich mein Tablet oder Handy mehr als einmal am Tag aufladen?
  • Schalte ich mein Handy nie aus, selbst wenn ich schlafe?
 
Wer sich oder sein Kind in einigen dieser Fragen wiederfindet, sollte zumindest mal darüber nachdenken, etwas dagegen zu tun oder für eine gewisse Zeit ein Handyfasten einzulegen. Suchtexperten zufolge ist vor allem die Selbsterkenntnis wichtig – denn nur, wer sein Verhalten kritisch hinterfragt, kann versuchen, wieder mehr am echten Leben teilzunehmen und damit ein Vorbild für andere zu sein. In besonders kritischen Fällen sollten die Betroffenen jedoch professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Eine Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie kann helfen, wieder in die reale Welt zurückzukehren.

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