Autofahren

Stau aus dem Nichts: Warum unsere Straßen plötzlich verstopfen

Besonders in den Ferien müssen deutsche Autofahrer immer gute Nerven beweisen – häufig vermiesen dann Staus die Fahrt. Baustellen, enge Fahrbahnen oder Unfälle lassen den Verkehr nur schleppend vorankommen. Doch manchmal entsteht der Stau auch ohne Grund, scheinbar aus dem Nichts. Woher kommt das?

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In der brasilianischen Millionenmetropole São Paulo sind es die Autofahrer gewohnt, im Stau zu stehen. Vor allem am Vormittag und zur Rush-Hour am späten Nachmittag drängen sich rund zwanzig Millionen Autofahrer auf den Straßen. Am 11. Juni 2009 kam es hier zum größten jemals gemessenen Stau: Über 293 Kilometer erstreckte sich die Blechlawine. Warum es auf unseren Straßen immer wieder zu derartigen Verstopfungen kommt, beschäftigt Forscher seit langem. Modelle sollen nicht nur die Entstehung von Staus erklären, sondern auch, wie wir uns am klügsten verhalten.
 
723.000 Staus gab es 2017 dem ADAC zufolge auf den deutschen Straßen. Die Schäden, die dadurch entstehen, liegen in Milliardenhöhen. Doch was verursacht den stockenden Verkehr? Unfälle, Baustellen oder verengte Fahrbahnen, die den Verkehrsfluss behindern, können ein Grund dafür sein. Aber auch einfach, wenn der Platz auf den Straßen an seine Grenzen stößt, wie bei Großveranstaltungen oder Berufsverkehr. Ein großer Teil der Staus entsteht jedoch scheinbar aus dem Nichts: Ohne logischen Grund stockt plötzlich der Verkehr, verheddert sich und kommt zum Stillstand. Früher glaubte man, dass ein "Stau aus dem Nichts" dann entsteht, wenn schlicht zu viele Fahrzeuge gleichzeitig eine bestimmte Strecke nutzen wollen. Grundsätzlich ist das nicht falsch – doch die Stauforschung offenbart zahlreiche weitere Gründe.

Das Nagel-Schreckenberg-Modell

Das bekannteste Erklärungsmodell stammt von Kai Nagel und Michael Schreckenberg. Anfang der neunziger Jahre gelang es den beiden Physikern zum ersten Mal, mit theoretischen Überlegungen über Verkehrsaufkommen und Verkehrsdichte die Ursachen für einen "Stau aus dem Nichts" zu demonstrieren. Ihrem "Nagel-Schreckenberg-Modell" zufolge reicht schon das Bremsmanöver eines einzelnen Autos, um eine Kettenreaktion in Gang zu setzen: Während der Erste nur kurz vom Gas geht, muss der Zweite schon bremsen und der Dritte noch mehr. Gleichzeitig nimmt das Wiederanfahren, so haben Forscher berechnet, rund zwei Sekunden mehr Zeit in Anspruch – ein Stau bildet sich. Der erste Fahrer bekommt davon nichts mehr mit: Die eigentliche Verkehrsverstopfung entsteht weit hinter ihm. Die Stauung wandert mit 15 Kilometer pro Stunde gegen die Fahrtrichtung weiter, hat Schreckenberg ausgerechnet. Damit wird den Autofahrern ihr Fehlverhalten also nie bewusst.

Wie eine Kettenreaktion ausgelöst wird

Der japanische Forscher Yuki Sugiyama setzte Schreckenbergs theoretische Überlegungen in die Praxis um. Er ließ 22 Autos über eine Strecke von 230 Metern im Kreis fahren. Jedes Fahrzeug sollte mit dem gleichen Abstand zum Vordermann starten und eine konstante Geschwindigkeit von dreißig Stundenkilometern einhalten. Eigentlich, so sollte man annehmen, müssten die Autos auf diese Weise ewig im Kreis vor sich hin fahren können. Doch etwas Erstaunliches geschah: Schon nach kurzer Zeit gab es erste Stockungen, und nach einer Minute kam der Verkehr auf dem Rondell zum Erliegen. Dafür konnte Sugiyama ähnliche Gründe wie Schreckenberg ausmachen: Sobald ein Auto nicht die vorgeschriebene Geschwindigkeit einhielt, musste das nachfolgende Fahrzeug bremsen und es kam zum Stau. Und: Setzte er mehr Autos ein, entstand der Stau schneller; waren es weniger, löste er sich wieder auf.

Kleine Reaktion, große Wirkung

Sugiyama und Schreckenberg konnten mit ihren Untersuchungen zeigen, dass es neben der Anzahl der Autos vor allem das menschliche Fehlverhalten ist, das einen "Stau aus dem Nichts" auslöst. Allerdings dürfte eine perfekte Fahrweise kaum möglich sein: Forscher haben herausgefunden, dass der menschliche Wahrnehmungs- und Reaktionsapparat dazu nicht in der Lage ist. Verändert sich etwas in unserem Blickfeld, beispielsweise die Helligkeit, verringern wir automatisch spontan die Geschwindigkeit. Selbst unter größten Anstrengungen ließe sich eine völlig gleichmäßige Fahrweise also nicht realisieren. Vermeiden lassen sich Staus nicht  darüber sind sich Wissenschaftler heute einig. Zwar gibt es Methoden, die eine Besserung versprechen, etwa Ampeln an Autobahnauffahrten, die den Zufluss regeln, oder eine Einführung von Ideal- und Höchstgeschwindigkeiten. Doch in erster Linie konzentrieren sich die Verkehrsexperten darauf, genauere Vorhersagen über Staus und damit eine exaktere Fahrzeitberechnung machen zu können.

Spurwechsel vermeiden, umsichtig fahren

Wie aber kommen wir in einem Stau am schnellsten vorwärts? Verkehrsexperten wie Michael Schreckenberg raten vor allem, ruhig auf ihrer Spur zu bleiben und abzuwarten. Wer ständig die Fahrbahn wechselt, kommt nicht schneller vorwärts – im Gegenteil: Da die nachfolgenden Autos wieder bremsen müssen, wird eine weitere Staubildung begünstigt. Vor Baustellen sollte das Reißverschlussprinzip beachtet werden. Wer andere für Drängler hält und nicht einfädeln lässt oder aber selbst zu früh auf die zusammengeführte Spur wechselt, schadet dem Verkehrsfluss.

Kein Ausflug ins Umland

Die Experten raten: Es lohnt sich nicht, von der Autobahn anzufahren. Wer Umgehungsstraßen nutzt, braucht meist deutlich länger, um ans Ziel zu kommen. Hier sollte man sich nicht vom Navigationsgerät oder dem Wunsch, mal wieder aufs Gas drücken zu können, verleiten lassen. Nur wenn das Benzin zur Neige geht oder bei einer Vollsperrung der Autobahn ist die Abfahrt sinnvoll. Auch auf Stauwarnungen beispielsweise aus dem Radio sollte man nicht allzu viel geben, rät der Automobilclub von Deutschland (AvD). Seinen Angaben zufolge ist jede dritte Verkehrsmeldung veraltet, wenn sie vorgelesen wurde. Die Meldungen entstehen übrigens durch ein Netz aus Kameras, festmontierten Sensoren an der Autobahn sowie Polizeiangaben und freiwilligen Staumeldern.
 
Die beste Taktik ist, unerschrocken auf das Stauende zufahren und darauf vertrauen, dass sich der Verkehr bis dahin wieder beruhigt hat. So kommt man statistisch gesehen am schnellsten vorwärts. Außerdem sollte man sich nicht von Warnmeldungen zu weitläufigen Umfahrungen oder gleich zur Wahl einer anderen Autobahn hinreißen lassen. Wer bereits in einen Stau hineingeraten ist, sollte auf einer Spur bleiben und abwarten. Statistisch gesehen ist so die Chance am größten, möglichst schnell ans Ziel zu kommen. 

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