Die größten Mythen

Schuldfrage: Hat ein unbekannter Diplomat Europas Urkatastrophe ausgelöst?

Wir glauben, unsere Geschichte gleicht einer Landkarte – lückenlos erschlossen, durch Zeitzeugen, Chronisten und Historiker. Tatsächlich aber ist das, was wir kennen, allenfalls ein Bruchteil der Wahrheit. Welt der Wunder zeigt, warum ein unbekannter Diplomat eine Schlüsselrolle beim Ausbruch des ersten Weltkrieges einnahm.

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Am Abend des 4. Juli 1914 macht sich in Deutschland Ferienstimmung breit. Es herrscht Kaiserwetter. Zu Zehntausenden strömen die Menschen ins Freie, belagern Badeseen, sonnen sich auf Wiesen – und ahnen nicht, dass sie sich am Rande eines Vernichtungskrieges befin­den, der 20 Millionen Menschen das Leben kosten wird...
 
Zur gleichen Zeit in Wien: Als Graf Alexander von Hoyos am Wiener Hauptbahnhof unter strengster Geheimhaltung in den Nachtzug nach Berlin steigt, ist er der mächtigste Mann Europas. Eigentlich soll der Mitarbeiter im österreichischen Außen­ministerium nur eine Nachricht des Außen­ministers an den deutschen Kaiser überbrin­gen. Doch obwohl Hoyos weiß, dass von dieser Nachricht das Schicksal Europas abhängt, denkt der Hardliner gar nicht dar­an, nur den Boten zu spielen.
 
Nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni in Sarajevo ringt man in Wien um die Frage, wie man auf das Attentat reagiert: Serbien den Krieg erklären oder besser eine diplomatische Lösung suchen? Den Kriegs­befürwortern um Außenminister Leopold Berchtold ist klar, dass sie für ihre Pläne das militärisch starke Deutsche Reich an ihrer Seite brauchen. Denn niemand weiß, wie Serbiens Schutzmacht Russland auf einen Angriff reagieren würde. Doch Bünd­nisgespräche mit der deutschen Regierung sind brenzlig. Würde der österreichische Außenminister in dieser Situation nach Berlin reisen, könnte das in Russland zu gefährlichen Missverständnissen führen.

Riskanter Geheimplan

Berchtold fasst deshalb einen riskanten Geheimplan. Er will einen Boten nach Berlin schicken, der diplomatisch so unwichtig ist, dass ihn die russischen Agenten ignorieren. Die Wahl fällt auf Legationsrat Hoyos. Plötz­lich ist ein 38-jährige Kriegsbefürworter der dünne Faden, an dem das Schicksal Europas hängt – ein zu dünner Faden, wie sich schon bald herausstellen wird. Als Hoyos mit einem Brief an den Deutschen Kaiser aufbricht, beginnt in Berlin die Feri­enzeit. Was sich nach einer Banalität anhört, macht die deutsche Regierung in einem entscheidenden Moment der Geschichte handlungsunfähig. Auch der Deutsche Kaiser wollte gerade in den Sommerurlaub aufbre­chen. Nun sitzt er ohne Berater mit einem Mann am Tisch, der ihn vor die Wahl stellt: Krieg oder Frieden. Hoyos setzt damit wahr­scheinlich völlig eigenmächtig alles auf eine Karte. Zunächst erteilt ihm der Kaiser eine Absage. Für einen Krieg sei er nicht zu haben, da „eine ernste europäische Komplikation drohe.“ Doch Hoyos, der die Chancen auf einen Krieg schwinden sieht, gibt nicht auf, malt ein Bedrohungsszenario für die Mon­archie in Europa und appelliert an das Ehrgefühl des Kaisers. 
 
Kurze Zeit später ändert der als wankelmü­tig bekannte Wilhelm seine Meinung. Wo­möglich nur aus dem Grund, um Hoyos endlich loszuwerden, stellt er ihm eine schriftliche Bündniszusicherung aus, die Wilhelm vermutlich von einem ähnlichen Schreiben aus dem Jahre 1908 beinahe wortwörtlich abschreiben lässt – und später als der „Blankoscheck des Kaisers“ bekannt werden wird. Was auch daran liegt, wie Hoyos die Bedeutung des Schreibens in Österreich übertreibt. Kaum ist er zurück in Wien, erklärt er schriftlich, dass der deutsche Kaiser „nicht nur entschlossen ist, die Poli­tik Österreich-Ungarns in unwandelbarer Bündnistreue zu unterstützen“, sondern auch darauf drängt, möglichst bald gegen Serbi­en vorzugehen. 

Eine glatte Lüge! Und doch überschlagen sich in Wien nun die Ereignis­se. Kurze Zeit später bricht ein Krieg los, der schnell zum 1. Weltkrieg eskaliert. Historiker sind sich heute weitestgehend einig: Hoyos ist nur ein Faktor von vielen, der zur Urka­tastrophe Europas führte. Und doch stellt sich die Frage, was passiert wäre, wenn man vor 104 Jahren anstatt eines Falken eine Taube nach Berlin geschickt hätte. 

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