Psychologische Kriegsführung

Moderne Folter: Wenn Körper und Geist brechen

Die Methode ist so alt wie die Menschheit selbst und so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk: Folter. Um an Informationen zu gelangen, die das Opfer niemals freiwillig preisgibt, wird auch im 21. Jahrhundert noch an der grausamen Praxis festgehalten. Doch verglichen mit dem dunklen Zeitalter der Inquisition ist sie heute noch viel perfider – in vielen Fällen nahezu unsichtbar …

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"Ich habe schlechte Neuigkeiten für dich. Ich bin nicht dein Freund. Ich werde dir nicht helfen – Ich werde dich brechen.“ Über dem Gesicht des Gefangenen Ammar liegt ein feuchter Lappen. Sein Puls rast. Seit Tagen hat er nicht mehr richtig gegessen, getrunken, geschlafen. Seine Hände sind gefesselt. Das Atmen fällt ihm schwer, als sich CIA-Agent Dan auf seine Brust setzt. Plötzlich schluckt Ammar Wasser, er glaubt zu ertrinken, bekommt Panik – kann sich nicht befreien. „Wer ist in der Saudi-Gruppe? Was ist das Anschlagsziel? Wann hast du Bin Laden zum letzten Mal gesehen?“, brüllt ihm Dan entgegen, während er dem Gefangenen langsam Wasser auf sein bedecktes Gesicht laufen lässt.

„Letztendlich bricht jeder“ (CIA-Agent Dan, Zero Dark Thirty)

Die beklemmende Folterszene aus dem Film „Zero Dark Thirty“ ist keinesfalls nur der künstlerischen Freiheit von Regisseurin Kathryn Bigelow entsprungen. Waterboarding nennt man die Foltermethode, die ein Ertrinken des Gefangenen simuliert. Sie war eine gängige Praxis bei Amerikas Krieg gegen den Terror, um an Informationen über Osama Bin Laden zu gelangen. Das feuchte Tuch, das dem Opfer dabei über das Gesicht gelegt wird, macht jeden Versuch Luft zu holen unmöglich. Der Gefolterte ist danach derart traumatisiert, dass er seinen Peinigern über kurz oder lang sagt, was sie von ihm hören wollen.

Das Waterboarding ist nur eine unter vielen Foltermethoden, die auch zur heutigen Zeit weltweit auf der Tagesordnung stehen. Liest man den aktuellen Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, wurde in den letzten fünf Jahren in 141 Ländern Folter eingesetzt – darunter Mexiko, die Philippinen, Usbekistan und Nigeria. Offiziell erlauben die Gesetze dieser Länder Folter als Mittel zum Zweck zwar nicht – allerdings verfolgen sie Foltervorwürfe jedoch nur selten ernsthaft. So akzeptiert beispielweise das Gericht in Nigeria Informationen, die durch angedrohte oder verübte Gewalt erpresst wurden.

Die Dreifaltigkeit der Folter

Situationen, wie die zwischen CIA-Agent Dan und Ammar, verdeutlichen, wie der perfide Mechanismus des Folterns funktioniert: Zunächst wird ein räumliches und physisches Gewaltverhältnis zwischen Folterer und Opfer hergestellt. Im Film liegt Ammar gefesselt auf dem harten Betonboden und ist seinem Peiniger Dan, der sich zusätzlich auf Ammars Brust kniet, völlig ausgeliefert. Daraufhin folgt der Hauptteil der Folter: das Zufügen von körperlichen und/oder seelischen Schmerzen. Beim Waterboarding hat Ammar mit beidem zu kämpfen: Das Wasser dringt schmerzhaft in seine Lunge und seine rasende Panik raubt ihm jeden klaren Gedanken. Zuletzt dient das gesamte Vorgehen im Normalfall einem bestimmten Ziel, meist dem Erlangen von Informationen – bei „Zero Dark Thirty“ dem Aufenthaltsort von Bin Laden.

Ohne Gewissen, ohne Spuren: Weiße Folter

Die Folter hat zwei Seiten: eine sichtbare und eine unsichtbare. Wohingegen Elektroschocks, Vergewaltigungen und Verbrennungen sichtbare Spuren am Körper der geschändeten Person hinterlassen, brennen sich psychische Grausamkeiten allein auf der Seele der Opfer ein. Zu den gängigen Praktiken der sogenannten „weißen Folter“ gehören beispielsweise Schlafentzug, Scheinhinrichtungen, Toilettenverbot oder Lärmfolter. Letztere geht oftmals mit Schlafentzug einher, da der Gefolterte mit lauter Rock- oder Heavy Metal-Musik zugedröhnt wird, was es dem Opfer unmöglich macht, einzuschlafen. Anders als zu den martialischen Zeiten der Inquisition werden heute meist psychische Foltermethoden angewandt. Teilweise werden diese sogar ganz individuell auf die zu folternde Person abgestimmt.

Die moderne oder auch individualisierte Folter

Wer sich dazu entscheidet, sein Opfer Psycho-Spielchen auszusetzen, erreicht dabei meist nicht nur sein primäres Ziel, Informationen zu erhalten. Mit irreführenden Fragen und abstrusen Behauptungen wird dem Gefolterten oftmals komplett der Sinn für Realität oder sogar der Glaube an seine eigene Identität geraubt. Wurde ihm zuvor jeglicher Schlaf verweigert, ist er für diese Methode besonders empfänglich. So wird beispielweise behauptet, das Opfer habe schon längst eine bestimmte Information preisgegeben, weswegen diese gar nicht mehr von Interesse sei.

In manchen Fällen wird die Art der Folter heute sogar individualisiert, was eine intensivere Recherche zum Folteropfer verlangt: Dabei werden persönliche Phobien und Ängste gezielt zur Informationsgewinnung hervorgerufen oder angedroht. Durch die Tatsache, dass sein Peiniger scheinbar die privatesten Dinge über ihn weiß, fühlt sich der Gefolterte dermaßen unterlegen und ausgeliefert, dass er mit der Sprache rausrückt – sein Geist ist gebrochen.

Der Fall Daschner in Deutschland

Wie sieht die Lage in Deutschland aus? In der Bundesrepublik gilt absolutes Folterverbot. Umso hitziger wurde deshalb das Vorgehen von Vize-Polizeichef Wolfgang Daschner diskutiert, der im Jahr 2002 einem Untergebenen befahl, dem mutmaßlichen Entführer Magnus Gäfgen Folter anzudrohen, sollte dieser nicht endlich den Aufenthaltsort des entführten elfjährigen Jakob von Metzler verraten. Er müsse mit Schmerzen rechnen, wie er sie noch nie in seinem Leben verspürt habe. Auch von einem Folterexperten war die Rede, der sein Handwerk verstünde – ohne Spuren zu hinterlassen. Daraufhin brach das Gerüst an Lügen und Irreführungen von Gäfgen in sich zusammen. Er verriet den Polizisten das Versteck – der Junge war aber bereits tot.

Ausnahme „Rettungsfolter“?

Daschner hatte sein Vorgehen mit einem Aktenvermerk festgehalten und entfachte damit eine riesige Diskussion. Darf ein Polizist in Ausnahmesituationen – wie in diesem Fall, um das Leben eines Kindes zu retten, – Folter androhen? Der Vize-Polizeichef erklärte damals, er würde jederzeit wieder so handeln und es bei Bedarf nicht bei einer bloßen Androhung belassen. Die Strafkammer entschied, Daschner habe rechtswidrig gehandelt, da bei Androhung von Folter eines der wichtigsten Menschenrechte – die Menschenwürde – verletzt wird. Sowohl der Aktenvermerk als auch die „ehrenwerte, verantwortungsbewusste Gesinnung des Angeklagten“ sprachen jedoch zu seinen Gunsten. Es blieb bei einer Verwarnung, einer Geldstrafe sowie einer Bewährungszeit von einem Jahr. Bis heute beinhaltet das deutsche Grundgesetz keinen Paragraphen, der die Rettungsfolter in Ausnahmesituationen erlaubt.

Wann heiligt der Zweck die Mittel?

Folter rechtlich zu erlauben, gleicht einem Tanz auf rohen Eiern. Öffnet man die Tür nur einen Spalt, drängeln sich in Nullkommanichts immer mehr Ausnahmen durch sie hindurch. Im Fall Daschner waren sich die Polizisten sicher, den Täter vor sich auf dem Verhörstuhl sitzen zu haben. Doch wie sieht es bei anderen Fällen aus? Manchmal gestehen Opfer vor lauter Qualen Taten, die sie niemals begangen haben und liefern Informationen, die sie gar nicht besitzen können. Wir haben nicht das Recht zu urteilen, in welchem Maß der Zweck die Mittel heiligt. Deshalb sollte Folter jeder Art zu einem vergangenen, dunklen Kapitel der Menschheit zählen und kein routiniertes Vorgehen im aufgeklärten 21. Jahrhundert sein.

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