Almwirtschaft

Fisser Imperial Gerste: Ein Korn für die obere Etage dieser Welt

In den Spätsommern der 1930er Jahren erstreckten sich goldene Gerstenfelder über die Landschaften der höchstgelegenen und oft bitterarmen Bergdörfer des oberen Tiroler Inntals. Doch mit dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem einsetzenden Tourismus verschwand die robuste Fisser Imperial Gerste schnell wieder von den Äckern der Bergbauern. Bis das Korn im Jahr 2013 eine Renaissance erlebte und wieder dorthin zurückkehrte, wo es einst ganze Familien ernährte und bis heute im Ortswappen zu finden ist: auf das Hochplateau von Serfaus-Fiss-Ladis.

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In den 1920er Jahren war Bergbauer Karl Röck (1902-1963) auf der Suche nach einem Getreide, das in seinem Heimatdorf Fiss, auf über 1.400 Meter Seehöhe noch gedeiht. Dabei stieß er auf ein in Vergessenheit geratenes Urkorn – die Imperial Gerste. Röck erkannte das Potenzial des robusten Getreides, das selbst auf kargen, steinigen Gebirgsböden und unter widrigsten Umständen gedeiht. Mit dem Korn gab Röck den bitterarmen Bewohnern des Oberen Gerichts – Serfaus, Fiss und Ladis – eine neue Nahrungsquelle. Und den Bauern eine neue wirtschaftliche Perspektive.
Die heute als Fisser Imperial Gerste bekannte Gerstensorte wurde schnell zum Erfolg. In den 1930er Jahren erntete man im Oberen Gericht bereits durchschnittlich 38 Tonnen des begehrten Getreides und begann das Saatgut in andere hochgelegene Regionen dieser Erde gewinnbringend zu exportieren. Und obwohl sich die Fisser Bauern mit dem einsetzenden Tourismus umorientierten, das neue Potenzial der Region nutzten und die Gerstenfelder aus den Ortsbildern verschwanden, ist die Fisser Imperial Gerste heute von Europa bis nach Asien, Südamerika und in Höhenlagen bis 5.000 Meter zu finden. Sie trägt einen wesentlichen Teil dazu bei, die oft sehr armen Bewohner der Hochlagen in den Anden und im asiatischen Hochland zu ernähren – wie damals, vor knapp 100 Jahren die Gemeinden des Oberen Gerichts. Bis heute trägt die Gemeinde Fiss ihre Gerste im Ortswappen.

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Die Fisser Imperial Gerste kehrt nach Hause zurück
Im Jahr 2013 beschloss der Museumsverein Fiss, die Tradition des Gerstenanbaus wiederzubeleben. Dieser Idee schlossen sich schnell einige engagierte Bauern wie Herbert Röck, der Sohn von Karl Röck, an. Auf ihren Feldern begannen sie erneut mit dem Anbau der Ur-Gerste. Dieses Mal nicht per Hand, sondern mit modernen Maschinen. Die ersten Ernten misslangen – das Wissen und die Pionierleistung von Karl Röck war nicht überliefert. Es folgte eine kurze Zeit des Experimentierens und dann der Durchbruch: Auf über 70 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche ernten die Bauern heute wieder rund fünf Tonnen Fisser Imperial Gerste und vermarkten diese lokal mit zum Teil festen Abnehmern, wie die Seilbahngesellschaften der Ferienregion Serfaus-Fiss-Ladis, die in ihren Skihütten zum Beispiel originale Fisser Gerstlsuppe anbieten. Auch in flüssiger Form gibt das Korn einiges her. Das „Birli“ ist ein Bier, welches seine Süffigkeit den starken Aromen der alten Gerstensorte verdankt. Wer es lieber hochprozentig mag, sollte den „Fissky“ probieren – ein aus der Fisser Imperial Gerste gebrannter Whisky. 
In der Region wird vieles unternommen die Bauern zu fördern – sie erhalten die wertvolle alpine Kulturlandschaft, aus der die Fisser Imperial Gerste heute nicht mehr wegzudenken ist.

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Dem Korn gehört die Zukunft
Weltweit bereitet der fortschreitende Klimawandel den Bauern Sorgen. In Folge von zunehmenden Hitzewellen, Dürren und Starkniederschlagsereignissen fallen immer häufiger die Ernten vieler Hochleistungsgetreidesorten aus. Die Fisser Bauern sind sich sicher, dass ihre Gerste, die im Hochgebirge schon immer starken Witterungseinflüssen trotzt, vielleicht nicht den globalen Hunger, der durch den Klimawandel verstärkt wird, bekämpfen kann, aber zumindest hier und da wertvolle Dienste zu leisten vermag.

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