Verkehrskonzepte

Die Dorf-U-Bahn – nicht nur für Skifahrer

Vor 36 Jahren war es eine verkehrspolitische Sensation: ein kleines Tiroler Bergdorf bekam die kleinste, höchstgelegene und auf Luftkissen schwebende U-Bahn der Welt. Heute ist Serfaus neben der Weltstadt Wien der einzige Ort in Österreich mit eigener U-Bahn.

© Gemeinde_Serfaus

Anfang der Wilden Achtziger: Am Frankfurter Flughafen fährt ein Mann mit Krawatte, schweren Skistiefeln und geschulterten Ski auf den Personenförderbändern hin und her. Einen halben Tag lang. Mitten im Hochsommer. Sein Name: Erwin Tschiderer. Sein Beruf: Bürgermeister von Serfaus im oberen Tiroler Inntal. Seine Mission: Er will herausfinden, wie man Skigäste bequem vom Parkplatz zur Seilbahn-Talstation chauffieren kann – ohne das Dorfbild zu stören. Deren Autos sollen das 1.100-Seelen-Skiörtchen zukünftig nicht mehr verstopfen. Nach einem halben Tag Förderbandfahrt ist dem Bürgermeister aber klar: So geht das nicht! Eine andere Lösung muss her. In New York hat die kleine Serfauser Mobilitäts-Delegation dann die Idee: eine Luftkissenbahn soll künftig den Parkplatz im Osten des Dorfes mit der Talstation im Westen verbinden. Und zwar im Untergrund. 

© Gemeinde_Serfaus

Österreichische Verkehrswende anno 1985: Die erste Dorf-U-Bahn der Welt
Menschen, nicht Autos, sollen das Dorfbild von Serfaus prägen. So die Vision des Verkehrsberuhigungsgesetzes, das die Tiroler Ferienregion – inspiriert unter anderem vom autofreien Zermatt – bereits 1972 einführt. Gut zehn Jahre später wird aus der Vision Wirklichkeit. In zwei Jahren Bauzeit verwandelt sich das beschauliche Bergdorf auf 1.400 Metern Seehöhe in eine eineinhalb Kilometer lange Baustelle. Am 14. Dezember 1985 ist es dann soweit: Die Blaskapelle intoniert den eigens komponierten „Serfauser Dorfbahnmarsch“ – und die kleinste, höchstgelegene und auf Luftkissen schwebende U-Bahn der Welt fährt geräusch- und emissionsfrei los. Anzahl der Haltestellen: vier.

© Seilbahn_Komperdell_GmbH_Andreas_Kirschner

Rundum-Modernisierung: Die gleiche 1.300-Meter-Röhre, aber neue Technik
Zum Mond, wieder zurück und noch fünfmal um die Erde. So weit ist die alte Serfauser Dorf-U-Bahn seit 1985 gefahren. Dabei wurden rund 32 Millionen Fahrgäste transportiert. Kein schlechter Schnitt für ein 1.100-Seelen-Dorf. Aber nach 32 Betriebsjahren war es an der Zeit, die U-Bahn auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Also investierte die Seilbahn Komperdell GmbH, eine hundertprozentige Tochter der Gemeinde Serfaus, rund 26 Millionen Euro und verpasste ihrer Dorf-U-Bahn in zweijähriger Arbeit eine Modernisierung. Seit Dezember 2019 fahren drei nagelneue Waggons durch die 1.300 Meter lange Röhre. Diese sind deutlich geräumiger, heller und freundlicher – und dank ihres erfrischenden Designs echte Hingucker. Förderkapazität: 3.000 Personen pro Stunde.

© Seilbahn_Komperdell_GmbH_Andreas_Schalber

Dorf-U-Bahn 2.0: Revolution im öffentlichen Wintersport-Nahverkehr
Technisch gesehen ist die U-Bahn eine Standseilbahn, die auf 82 Luftkissen etwa 0,1 Millimeter über dem Tunnelboden schwebt. Von einem Zugseil gezogen und von 426 Seilrollen geführt, fährt sie zwischen Parkplatz und Seilbahnstation hin und her. Fahrer-, geräusch- und emissionslos. Zudem wurden sämtliche Stationen mit Infotainmentsystemen ausgestattet. Für Gäste der Region Serfaus-Fiss-Ladis und Einheimische ist die Fahrt mit der U-Bahn kostenfrei. Übrigens: Serfaus zählt neben Wien zu den einzigen zwei Orten in Österreich, die eine eigene, komplett unterirdisch verlaufende U-Bahn haben.

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