Religion

Der Kelch der Erlösung? Die ewige Suche nach dem Heiligen Gral

Sie ist die bekannteste aller Reliquien: Der Heilige Gral verspricht Erlösung und ewiges Leben. Sogar die Nazis machten sich auf die Suche nach dem Heiligtum. Doch lohnt sich die Suche nach dem Gral? Gab es ihn wirklich?

Silberner Kelch mit Wein neben einem Laib Brot

© iStock/udra

Vor dem Mittelalter war der Heilige Gral weitgehend unbekannt. Erst in den so genannten Apokryphen wurde er erwähnt, einer Reihe von Schriften, die zur Zeit der Bibel entstanden, aber nie mit aufgenommen wurden. Der Grund war, dass ihre Glaubwürdigkeit angezweifelt wurde.

Das in den Apokryphen enthaltene Nikodemusevangelium erzählt, dass bei der Kreuzigung Jesu sein Anhänger Josef von Arimathäa anwesend war. Als der römische Soldat Mauricius dann Christus mit der Lanze in die Seite stach, so heißt es, flossen Wasser und Blut aus der Wunde. Josef hielt eine Schale, die später als „Heiliger Gral“ bezeichnet wurde, unter die Wunde und füllte sie mit dem Blut Jesu. Bis um das Jahr 1.000 spielte dieser Gral weder für die Kulturgeschichte des Abendlandes noch des Morgenlandes eine Rolle. Später änderte sich das – doch warum wurde ihm plötzlich so viel Macht zugesprochen?

Der Mythos verbreitet sich

Im Jahre 1188 schrieb der Franzose Chretien de Troyes den Höfischen Roman „Parzival“ im Auftrag des Grafen von Flandern. Parzival, so erzählt der Roman, ist ein Jüngling auf der Suche nach Ruhm und Ehre. Er begegnet auf einer geheimnisvollen Burg einem kranken König, der ihn einlädt. Als Parzival gemeinsam mit dem König zu Abend isst, erscheinen auf einmal zwei wunderschöne Jungfrauen im Saal. Eine der beiden Jungfrauen trägt den Heiligen Gral, der in seiner ganzen Herrlichkeit erstrahlt und Parzival in seinen Bann zieht. Dennoch wagt er es nicht, den König danach zu fragen. Das wäre aber seine Aufgabe gewesen. Weil Parzival versagt, sind König und Gral am nächsten Morgen verschwunden. Daraufhin begibt sich Parzival auf die Suche nach dem Heiligen Artefakt.

Chretien starb im Jahre 1190 an Tuberkulose, bevor er sein Werk vollenden konnte. Dennoch übte der Roman großen Einfluss auf die Literatur in ganz Europa aus. Das Parzival-Thema und damit auch die Geschichte des Heiligen Grals verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Da Chretien de Troyes den Parzival nicht abgeschlossen hatte, versuchte sich eine Vielzahl von Autoren an einer erneuten Darstellung des Stoffes – unter anderem auch Wolfram von Eschenbach. Es entstanden viele Varianten und Interpretationen der Gralsgeschichte, die im Laufe der Zeit immer enger mit König Artus, der Tafelrunde und Jesus verknüpft wurden.
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Wo befindet sich der Gral?

Das Aussehen des Grals wurde von jedem Autor anders beschrieben. War er ein Tongefäß oder eine Schale? Oder gar doch ein Edelstein, wie ihn Wolfram von Eschenbach darstellte? Angeblich verhalf der heilige Becher seinem Besitzer zu Macht, Reichtum und übernatürlichen Kräften.

Das Verlangen nach dem Heiligen Gral beherrschte im Mittelalter Kaiser, Könige und Päpste. Da sich die Gralsburg im Roman des Chretien de Troyes in den Pyrenäen befand, vermuteten sie die Gralsanhänger Anfang des 13. Jahrhunderts ebenfalls dort. In der Region Languedoc in Südfrankreich lebten damals die Katharer. Sie bildeten eine wohlhabende Glaubensgemeinschaft, die der Amtskirche allerdings als ketzerisch galt.

Papst Innozenz III. entsandte 1209 nach Christus ein 30.000 Mann starkes Heer aus Nordfrankreich in die Region, angeblich um den Gral zu finden. Die Albigenserkriege dauerten bis 1229 nach Christus und machten die Region dem Erdboden gleich. Die Suche nach dem Heiligen Gral war jedoch nicht der Hauptgrund für den Krieg. Vielmehr wollte der Papst den ketzerischen Katharern, die sich wirtschaftlich und auch gedanklich weitgehend unabhängig von Rom und dem Rest Europas gemacht hatten, eine Lehre erteilen. Zudem war es für die französische Krone eine Chance, ihre Macht im südlichen Teil des Reiches durchzusetzen. Die Suche nach dem Heiligen Gral sollte lediglich ein Anreiz sein und die Mission attraktiv machen. Ob sie erfolgreich war, ist nicht bekannt.

Anfang des 14. Jahrhunderts veranlasste Philip der Schöne, König von Frankreich, die Zerschlagung des Tempelordens, eines geistlichen Ritterordens. Man vermutete, dass die Tempelritter den Heiligen Gral hüteten. Der Orden war sehr mächtig, verfügte über immense Reichtümer, ihm wurden sogar übernatürliche Kräfte nachgesagt. In Wolfram von Eschenbachs Parzival tragen die Gralsritter weiße Mäntel mit rotem Tatzenkreuz – und genau diese Kleidung trugen auch die Tempelritter. Vielleicht war das der Grund, warum die Geschichte des Heiligen Grals über das Mittelalter hinaus erhalten blieb. Hatten überlebende Tempelritter den Gral vielleicht weiterhin versteckt und bewacht?

Noch die Nazis suchten nach ihm

Die Suche nach dem Heiligen Gral nahm auch in der Folgezeit kein Ende. Der Wiener Orientalist Joseph Freiherr Hammer von Purgstall veröffentlichte im 19. Jahrhundert eine umfangreiche Studie, welche die Tempelritter der Ketzerei bezichtigte. Sie seien die Führer einer urheidnischen Vereinigung gewesen, die gegen kirchliche Denkzwänge und staatliche Tyrannei kämpfte. Obwohl die Tempelritter ursprünglich im Dienste der katholischen Kirche standen, konnte Purgstall viele Intellektuelle von seiner Theorie überzeugen. Die Vermutung, dass die Tempelritter die Hüter des Heiligen Grals waren, rückte erneut in den Mittelpunkt der Betrachtungen.

1933 schließlich verfasste Otto Rahn das Buch „Kreuzzug gegen den Gral“. Daraufhin holte ihn Heinrich Himmler 1936 in die SS, zwecks Mitarbeit beim Forschungsamt „Ahnenerbe“. Rahn wurde von den Nationalsozialisten mehrmals nach Languedoc geschickt, um den Heiligen Gral zu finden und nach Deutschland zu bringen. Seine Suche war jedoch nicht erfolgreich. 1939 wurde er auf eigenen Wunsch aus der SS ausgeschlossen, vermutlich unter dem Vorwurf der Homosexualität. Er beging im gleichen Jahr Selbstmord. Damit war Rahn vermutlich das letzte Todesopfer, das der Mythos des Heiligen Grals gefordert hat.

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