Meeresschutz

Das rätselhafte Sterben der Grauwale

Seit Januar 2019 verzeichnen Wissenschaftler der US-Klima- und Ozeanbehörde NOAA Fisheries mit Sorge ungewöhnlich viele tote Grauwale. Und das Sterben der Grauwale hält bis heute an. Mindestens 430 Tiere strandeten bis zum 5. April 2021 auf ihrer jährlichen Wanderung entlang der Küste von Alaska nach Mexiko. Die meisten starben an der Küsten der USA (206 Tiere) und Mexikos (205). Das sind derart viele, dass NOAA Fisheries offiziell einen unusual mortality event (UME) ausrief. Das ist eine Art Notstand aufgrund einer ungewöhnlich hohen Anzahl von Todesfällen in einer Meeressäugerpopulation. Ein UME erfordert sofortige Untersuchungen und daraus folgende Maßnahmen.

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Finden Grauwale nicht mehr genug Nahrung?
Das letzte vergleichbare Grauwalsterben ereignete sich zwischen 1999 und 2000. Damals starb über ein Fünftel der Gesamtpopulation der grauen Meeresriesen. Im Rahmen des UME-Untersuchungsprozesses stellte NOAA ein unabhängiges Team von Wissenschaftlern zusammen. Nun sollen Experten die bisher gesammelten Daten überprüfen und gestrandete Wale genau untersuchen. Damit hofft man bei NOAA Fisheries, mögliche Kausalzusammenhänge zwischen dem Sterben der Grauwale und Störungen im Meeresökosystem zu finden. Vermutet wird, dass die Wale während ihrer über 10.000 km langen Wanderung von ihren Nahrungsgründen vor Alaska entlang der Westküste Kanadas und der USA bis in die in der Baja California in Mexiko liegenden Fortpflanzungsgründe nicht genug Nahrung finden. Warum das so ist, weiß derzeit niemand zu sagen.

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Ist Nahrungsmangel der Grund für das Sterben der Grauwale?
Sie setzen im Sommer und Herbst „alles auf eine Karte“, erklärt NOAA Fisheries. Das ist die Zeitspanne, in der sie versuchen müssen, sich satt zu essen. Nur so können sie die folgenden sechs Monate überleben. Denn auf der Wanderung nach Süden und während sie den Winter in Mexiko verbringen, nehmen sie kaum noch Nahrung zu sich. Dem größten Ernährungsstress sind sie dann während der erneuten Migration nach Norden ausgesetzt. Dann stoßen die Meeressäuger möglicherweise an die Grenzen ihrer Fettreserven. Einige, aber nicht alle, der bislang untersuchten Grauwale wiesen Anzeichen von Abmagerung auf.
Das Sterben der Grauwale: Population ging seit 2016 um ein Viertel zurück
Bereits vor der ungewöhnlichen Häufung von Strandungen mit Jahresbeginn 2019 beobachteten US-Wissenschaftler, dass die Population seit 2016 bereits um ein Viertel zurückgegangen ist. Dies erinnert an das umfangreiche Grauwalsterben zwischen 1999 und 2000. So berichtet NOAA Fisheries, dass im letzten Winter etwa 6.000 weniger wandernde Wale gezählt wurden, nämlich 21.000 gegenüber 27.000 im Jahr 2016. Bislang geht man jedoch davon aus, dass derart starke Populationsveränderungen keine langfristigen Bedrohungen für das Überleben der Art widerspiegeln.

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Grauwale: Eine Artenschutz-Erfolgsgeschichte
Ostpazifische Grauwale zählen zu den Erfolgsgeschichten im Meeressäugerschutz. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der kommerzielle Walfang die zu den Bartenwalen zählenden Weitwanderer fast ausgerottet. 1946 dann verbot die Internationale Walfangkommission (IWC) die Jagd. Damit konnte ihr Aussterben verhindert werden. Seitdem nahm die Zahl der bis zu 15 m langen und bis zu 34 Tonnen schweren Meeresgiganten stetig zu.1994 strich man sie von der Roten Liste bedrohter Tierarten. Jedoch bleibt ihr Bestand weit unter dem von früheren Zeiten. Vor Beginn des kommerziellen Walfangs Mitte des 19. Jahrhunderts soll es ca. 96.000 Grauwale gegeben haben.
"Von derartigen staatlichen Maßnahmen zum Schutz von Meeressäugetieren sind wir in Deutschland leider sehr weit entfernt. So rief NOAA Fisheries den UME aus, obwohl sie den Bestand der Art durch die häufigen Todesfälle nicht gefährdet sieht. Bei uns dagegen wird nicht einmal die Stellnetzfischerei in Meeresschutzgebieten untersagt, obwohl die Schweinswalbestände in Nord- und Ostsee hierdurch gewaltige Verluste erleiden und gefährdet sind", beurteilt Diplom-Biologe der Deutschen Stiftung Meeresschutz Ulrich Karlowski die Situation bei uns in Deutschland.

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