Die geheime Macht der Worte

Das Gesetz des Framings: Wörter können toxisch sein

Die sogenannte Framing-Theorie besagt, dass Wörter in unserem Gedächtnis ein ganzes Netz an Assoziationen triggern können, das unsere Gedanken beeinflusst. Speziell Politiker nutzen das gern aus.

© imago-Xinhua

Jeden Tag, wenn wir auf unserem Smartphone oder im Fernsehen die Nachrichten verfolgen, prasseln unzählige Wörter auf uns ein: „Flüchtlingswelle“, „Euro-Rettungsschirm“, „Steueroase“. Was uns dabei kaum bewusst ist: Jedes dieser Wörter sickert wie ein schleichendes Gift in unsere Köpfe und manipuliert unser Denken und Fühlen. „Um Metaphern zu begreifen, aktiviert unser Gehirn abgespeichertes Wissen: Gefühle, Gerüche, visuelle Erinnerungen“, erklärt die Neurolinguistin Elisabeth Wehling von der Universität Berkeley in Kalifornien. 

Wenn in der „Tagesschau“ also von „Flüchtlingsströmen“ die Rede ist, dann ordnet unser Gehirn das automatisch in den entsprechenden Deutungsrahmen (Frame) ein. „Unser Gehirn kann ohne diese Frames keine Fakten wahrnehmen“, so Wehling. „Das Wort ‚Strom‘ assoziiert beispielsweise eine Naturgewalt, eine Gefahr.“ Gerade Politiker setzen solche Frames gezielt ein, um unser Denken und Fühlen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Eine beliebte Wahlkampfstrategie ist es dementsprechend, politische Themen mit Metaphern, die Ekel implizieren, in Verbindung zu bringen. 

Die Wucht eines einzigen Wortes

„Wenn Donald Trump Medien ,widerlich‘ und Einwanderer ‚dreckig‘ nennt, simuliert das im Gehirn seiner Wähler tatsächlichen physischen Ekel“, erklärt Wehling. „Als würden sie einen üblen Geruch riechen. Studien zeigen, dass Ihnen die Leute da politisch sofort nach rechts gehen.“ Wie viel Wucht schon ein einziges Wort entfalten kann, hat die Psychologin Lera Boroditsky von der Stanford University gezeigt: In einem Experiment legte sie den Teilnehmern zwei Versionen eines Textes vor, der die Kriminalität in der fiktiven Stadt Addison problematisierte. Sie unterschieden sich nur in einem einzigen Satz: Einmal wurde die Kriminalität als „wildes Tier“ beschrieben, in der anderen Version als „Virus“. 

Die Versuchspersonen sollten Lösungsansätze entwickeln, wie man die Verbrechen in der Stadt reduzieren könnte. Das verblüffende Ergebnis: Die Probanden, in deren Text die Kriminalität mit einem wilden Tier assoziiert wurde, sprachen sich dafür aus, die Verbrecher hartnäckig zu verfolgen, sie wegzusperren und härtere Gesetze zu erlassen. Diejenigen, denen die Kriminalität als Virus dargestellt worden war, machten sich hingegen dafür stark, die Ursachen zu erforschen, Armut zu bekämpfen und die Bildung zu verbessern. Eine einzige Metapher hatte also zu unterschiedlichen Bewertungen geführt.

Kann man sich gegen Sprachbilder wehren?

Dieses Wissen kann jeder nutzen, indem er einen Frame setzt, der die eigene Sicht auf die Welt greifbar macht. Bestes Beispiel dafür ist der ehemalige US-Präsident Barack Obama: Als dem kurz nach Amtsantritt vorgeworfen wurde, er sei kein Patriot, entgegnete er: „Für mich ist Patriotismus, dass man sich füreinander einsetzt.“ Wehling: „Er hat sich nicht einfangen lassen von der Gegenseite, sondern klar gezeigt, worum es ihm geht. Er hat seinen eigenen Frame ins Gespräch gebracht und sich und seine politischen Anliegen erfolgreich darin eingeordnet. Das wirkt überzeugend und echt.“

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