Tierschutz

Wieso werden neuerdings tausende Esel gestohlen und getötet?

Tatort sind die ländlichen Regionen Afrikas, beispielsweise in Tansania und Südafrika, sowie Indien: Mitten in der Nacht fallen Verbrecherbanden in die Dörfer ein, stehlen die Esel und erlegen sie oft noch an Ort und Stelle. Hier geht es nicht um Wildtiere wie Elefanten oder Nashörner, sondern um die treuen Lasttiere. Doch weshalb werden immer mehr Esel gestohlen und wie kann den Tieren geholfen werden?

© Wiebke Plasse - Welttierschutzgesellschaft

Esel werden weltweit in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern als Arbeitstiere eingesetzt: Sie schleppen die Lasten der Menschen, transportieren Wasser von den Wasserstellen in die Dörfer, Kinder zur Schule und die Ernten von den Feldern auf die Märkte. Allein in Tansania gibt es schätzungsweise 570.000 Esel. Jeder Einzelne ist für seinen Besitzer von hohem Wert. Ohne die Esel nämlich könnten die Kleinbauern ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten, da sie beispielsweise ihr Gemüse nicht auf den Markt bringen und dort verkaufen könnten. Auch für die immer längeren Wege zu den letzten verbleibenden Wasserstellen dürregeplagter Länder wie Tansania sind die Tiere unersetzbar: Sie sind existenziell für das Überleben der Menschen. 

Nachts, wenn die Menschen in ihren Hütten sind, bleiben ihre Esel im Freien. Hier suchen sie Futter, schlafen und ruhen, nachdem die Tiere den ganzen Tag hart gearbeitet haben. Die althergebrachte Lebensweise der Dorfbewohner ausnutzend, kommen die Räuber im Schutz der Dunkelheit und stehlen die Esel. Sie töten und häuten sie. Das gestohlene Gut gelangt dann in den Export nach China.  

Warum ist die Haut so begehrt?

Der Grund, weshalb Eseldiebstähle zu einem solchen Problem geworden sind, heißt Ejiao, frei zu übersetzen mit „Eselhaut-Gelatine“. Ejiao ist ein klebriges, süßlich schmeckendes scheinbares Wundermittel aus der traditionellen chinesischen Medizin, das aus Eselhaut hergestellt wird. Es wird als vermeintliches Heilmittel zwar bereits in uralten Büchern erwähnt, war aber bis vor kurzem nahezu vergessen. Jetzt ist es in China aber wieder in Mode gekommen, so dass die Nachfrage heute kaum mehr zu befriedigen ist. Aus einer Eselhaut wird nur etwa ein Kilogramm Ejiao gewonnen, so dass inzwischen etwa vier Millionen Esel jährlich oft auf brutale Art und Weise  ihr Leben lassen müssen, um den Markt zu bedienen.

Das Vorkommen der Esel ist durch die steigende Nachfrage nach ihrer Haut in akuter Gefahr. Ohne Gegenmaßnahmen könnten sie aus manchen afrikanischen Regionen ganz verschwinden. Einige afrikanische Länder, darunter Tansania, haben den Export von Eseln nach China bereits verboten. Aber gegen das illegale Töten nützt das wenig. Zudem werden insbesondere in Kenia neue Schlachthäuser für Esel von chinesischer Seite gefördert und China hat die Zölle für Eselhäute zuletzt sogar weiter gesenkt. 

© Wiebke Plasse - Welttierschutzgesellschaft

Wie lässt sich dem Diebstahl das Handwerk legen? 

Eine Möglichkeit, den Eseldiebstahl einzudämmen, ist der bessere Schutz der Tiere vor Ort. Eine deutsche Tierschutzorganisation, die sich dafür einsetzt, ist die Welttierschutzgesellschaft (WTG) mit Sitz in Berlin. Gemeinsam mit Partnerorganisationen in Tansania ist die WTG im Norden und Nordwesten Tansanias im Einsatz. Lokale Tierschützer leiten die Eselbesitzer und ihre Familien darin an, Umzäunungen für ihre Esel zu bauen, um diese vor dem Zugriff der Diebe zu schützen. Die pflanzenbewachsenen Gehege werden in der Mitte der Dörfer errichtet, um das Herankommen an die Tiere zu erschweren und die Dorfbewohner aufmerksam zu machen, wenn die Esel unruhig werden. Dafür werden auch Glöckchen den Eseln um den Hals gebunden und an den Türen der Umzäunungen angebracht. Zusätzlich wird in den Dörfern Informationsarbeit geleistet, die bereits zu einem größeren Problembewusstsein geführt hat. Im Norden des Landes, wo der Einsatz 2017 begann, konnte durch diese Schritte den Eseldiebstählen ein Ende gesetzt werden. Für mehr als 4.500 der Grautiere gibt es dort nun sichere Gehege.

Allerdings lassen die Eseldiebe – getrieben von der Aussicht auf schnelles Geld – nicht locker und verlagern ihre Aktivitäten in andere Regionen Tansanias. Weiter im Westen ist im Sommer dieses Jahres eine neue Soforthilfe der Welttierschutzgesellschaft nötig geworden, nachdem mehr als 100 Eseldiebstähle gemeldet worden waren. Durch den Bau von 30 Gehegen für weitere ca. 500 Tiere konnte auch hier ein besserer Schutz der Tiere erreicht worden. 

Maßnahmen wie diese sind in den betroffenen Ländern ein wichtiger Beitrag, die das Leben vieler Esel retten und damit die Lebensgrundlage der Menschen erhalten können. Gleichzeitig müssen Belege für die Diebstähle gesammelt werden, mit denen im nächsten Schritt die Politik zum Handeln bewegt und konkrete Aktionspläne erarbeitet werden können. Auch hier setzt die Welttierschutzgesellschaft an und wird zunächst in Kenia rund um die Schlachthäuser Daten erheben, Fälle dokumentieren und so belegen, dass gestohlene Esel in legalen Schlachthäusern verarbeitet werden. 

Das könnte Sie auch interessieren