Motivation

Was lässt mich aufgeben? Und was weitermachen?

Chips statt Salat – Couch statt Fitness-Studio: Ständig brechen wir unsere Vorsätze und ergeben uns den Befehlen eines selbstsüchtigen Gehirns. Dabei kann jeder die dunklen Kräfte der Motivation besiegen. Was bremst uns aus, was treibt uns an? Wie kann man im Alltag die Motivations-Killer im Kopf bekämpfen?

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Aufgeben oder weitermachen? Beim Einkaufen, in der Schule und im Büro, beim Sport und bei den täglichen Routinen, jeden Tag stehen wir be­wusst oder unbewusst vor diesen Entscheidungen. Oft werden wir da­bei manipuliert – vom dunklen Zwil­ling der Motivation: der Demotivation. Sie lässt uns an schlechten Gewohn­heiten festhalten, verhindert, dass wir unsere Ziele erreichen, und gibt uns den Befehl, aufzugeben. Warum? 
 
In unserem Unterbewusstsein ringen verschiedene Kräfte um die Vorherr­schaft. Neugierde vs. Langeweile, Stress vs. Entspannung, Ablenkung vs. Aufmerksamkeit, Ehrgeiz vs. Zu­friedenheit, Routine vs. Abwechs­lung. Abhängig davon, welcher Prot­agonist die Oberhand behält, verändert sich auch unser Verhalten. Kein Wunder, dass für die Neurowis­senschaften das Motivationssystem eines der spannendsten Forschungs­felder ist. Tatsächlich konnten For­scher jetzt erstmals die wahren Dimensionen der dunklen Kräfte analysieren und einige der größten Mythen der Motivation widerlegen. Mit überraschenden Ergebnissen.

Treibt uns Belohnung voran?

Bis vor Kurzem galten beispielsweise Gehaltserhöhungen, Boni oder Prä­mien als einer der stärksten Stimuli beziehungsweise Anreize, um die Motivation eines Menschen zu stei­gern. Man nennt dieses Prinzip ex­trinsisch – also Motivation, die von außen kommt. Viele Psychologen und Neurobiologen sind mittlerweile jedoch davon überzeugt, dass extrin­sische Belohnungssysteme besten­falls kurzfristige Anreize schaffen und die Motivationslage eines Menschen nicht verbessern. Im Gegenteil. Das ist zumindest das Fazit einer Meta­analyse der Psychologen Edward Deci und Richard M. Ryan von der University of Rochester (USA), die 128 Experimente analysiert haben. So lautet ihr Ergebnis: Belohnun­gen – von Süßigkeiten bis Geld – ha­ben einen negativen Effekt auf die intrinsische Motivation, also die Selbstmotivation. In Zahlen: Bei jeder Dosis zusätzlicher Belohnung sinkt die intrinsische Motivation um 25 Prozent. Mit einer Ausnahme: Bei eintönigen Tätigkeiten kann Geld die intrinsische Motivation steigern. 

„Eine Gehaltserhöhung verschafft nur ein kurzes Glücksgefühl, keine dauerhafte Zufriedenheit“, erklärt die Wirtschaftspsychologin Mahena Stief. Und selbst die Forscher vom neoliberalen Wirtschaftsinstitut Lon­don School of Economics kommen – nachdem sie 51 Studien zum Thema Anreize ausgewertet haben – zu ei­nem klaren Fazit: „Extrinsische Anrei­ze schwächen unsere Motivation.“ Und das gilt nicht nur für finanzielle Belohnungen …

Ein Lob als Droge?

„Weiter so!“, „Sehr gut!“, „Super!“ – Eltern können ihre Kinder gar nicht genug loben und der Chef kann gar nicht genug Komplimente an seine Mitarbeiter verteilen – dieser Motiva­tionsmythos hält sich bis heute hart­näckig. Viele Forscher sind mittlerwei­le jedoch überzeugt: Generationen von Eltern haben ihre Kinder aufgrund dieses Motivationsirrtums falsch er­zogen, und noch immer werden in Führungskräfte-Seminaren Umgangs­strategien empfohlen, die im besten Fall nicht wirken oder sogar kontra­produktiv sind. Grund: Mit ständigem Loben erschafft man unter Umständen einen regelrechten Motivationsjunkie. Motivationsforscher Steffen Kirchner rät dagegen, ein Lob eher selten, dafür aber umso gezielter und per­sönlicher bzw. sinnbezogener einzu­setzen: „So kann es tatsächlich mo­tivierend wirken.“

„Ein Lob funktioniert wie eine Droge. Je öfter man es nutzt, desto höher muss die Dosis beim nächsten Mal sein, um eine Wirkung zu erzielen“, Steffen Kirchner, Motivationsforscher

Demotivation – besser nicht

Ein weiterer Motivationsmythos: Vorgesetzte werden bis heute darauf getrimmt, ihre Mitarbeiter auf alle erdenkliche Arten zu motivieren. Die Wahrheit ist: Es reicht vollkommen, sie nicht zu demotivieren. So zählen zu den größ­ten Motivationskillern unrealistische Zielvorgaben, Drohungen sowie res­pektloser Umgang. Wer auf diese Demotivatoren verzichtet, hat schon viel erreicht. „Wenn Menschen die Gelegenheit bekommen, Verantwortung zu übernehmen und sich selbst als bedeutsam zu erleben, dann kommt die Begeisterung an der eigenen Arbeit wieder. Und Begeisterung ist wie Dünger für unser Gehirn“, erklärt der Neurobiologe Gerald Hüther.

Fakt ist jedoch auch: Nicht immer sind es extrinsische Faktoren wie Geld, Prä­mien oder das Verhalten unserer Mitmenschen, die Einfluss auf unsere Motivation und unseren Willen haben. Oft lässt unser eigenes Gehirn uns aufgeben, scheitern oder abwarten – statt dass wir uns überwinden, handeln und Grenzen verschieben … 

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