Immer müde? – Teil 2

Warum wir nicht bemerken, dass wir uns im Blindflug befinden

Allein in Deutschland klagen mittlerweile 51 Prozent aller Angestellten über Müdigkeit. Was hat zu dieser chronischen Erschöpfung geführt? Wie baut diese Erkrankung unser Gehirn und unseren Körper um? Und welche langfristigen Folgen sind jetzt erstmals zu beobachten?

© iStock-DjelicS

Mehr als die Hälfte der Menschen fühlt sich nach dem Aufwachen nicht erholt. Insgesamt bemerkt ein Viertel der Bevölkerung in westlichen Industrienationen bei sich selbst Erschöpfungssymptome. Dabei schlafen wir nicht weniger als noch vor 20 Jahren. Was Müdigkeit mit uns macht, zeigt das Beispiel von Robert.

„Bin in fünf Min ...“, lautet die unvollständige Nachricht im WhatsApp-Chat von Roberts‘ Smartphone. Der leuchtende Bildschirm erhellt den Asphalt unter einem Auto. 15 Meter davon entfernt liegt der leblose Körper des 25-Jährigen. Es ist die letzte Nachricht, die Robert in seinem Leben geschrieben hat. Abschicken konnte er sie nicht mehr. Mit den Augen auf sein Smartphone gerichtet, war der Student direkt vor ein heranfahrendes Auto gelaufen. Der Fahrer hatte keine Chance mehr zu reagieren. 

Robert war ein sogenannter „Smombie“ (die Bezeichnung leitet sich aus den Worten Smartphone und Zombie ab). Immer häufiger finden sich diese Smombies in Polizeiberichten wieder. Mit dem Blick starr auf ihr Smartphone gerichtet, laufen sie wie ferngesteuert vor Straßenbahnen, Busse und Autos. Genaue Zahlen gibt es noch nicht, Experten schätzen jedoch, dass mittlerweile 70 Prozent der tödlichen Unfälle mit Fußgängern durch Ablenkung verursacht werden. Tatsächlich würde wohl niemand mit verbundenen Augen und Ohren über eine viel befahrene Straße gehen.

Die Folgen von Smombie-Verhalten sind gravierend

„Doch im Grund machen Millionen Menschen jeden Tag nichts anderes, wenn sie im Straßenverkehr auf ihr Smartphone gucken“, erklärt die britische Neuropsychologin Maria Chait. In einer Studie fand sie heraus, dass die sogenannten Smombies Geräusche und Hindernisse nicht einfach ignorieren oder herausfiltern, sie hören und sehen sie von vornherein nicht. „Unser Gehirn ist schlichtweg überfordert, was dazu führt, dass viele Reize gar nicht im Bewusstsein ankommen“, so Chait. Dieses Phänomen gilt jedoch nicht nur für den Straßenverkehr. Tatsächlich verbringen mittlerweile Millionen Menschen durch die Smartphone-Nutzung mehrere Stunden am Tag im Blindflug. 

Das wirklich Beunruhigende daran: Zwar denken die meisten, dass sie trotz der Ablenkung mitbekommen, was in ihrer Umgebung passiert. In Wahrheit arbeitet das Gehirn jedoch in dieser Phase im Hochleistungsmodus daran, die Aufmerksamkeitslücken mit Erinnerungen und Mutmaßungen zu füllen. Und das wiederum ist für unseren Denkapparat so anstrengend, dass er überlastet und erschöpft seine Rechnerkapazitäten herunterfährt – und wir müde werden … 

Wie der Krieg um unsere Aufmerksamkeit das Gehirn umbaut 

Forscher sind mittlerweile überzeugt, dass die permanente Ablenkung von außen ein entscheidender Erschöpfungsfaktor ist und maßgeblich zur Übermüdungs-Pandemie beiträgt. Denn heute prasseln pausenlos Reize auf unser Gehirn ein – mit immer stärkeren Impulsen. Flimmernde Werbeanzeigen in der U-Bahn, Ansagen des Navigationsgerätes im Auto, vibrierende Smartphones, Alarmtöne von ankommenden Mails am Arbeitsplatz – in nahezu allen Lebensbereichen ist ein Krieg um unsere Aufmerksamkeit entbrannt. 

Und das hat nicht nur Auswirkungen auf unsere Aufmerksamkeit. So konnten Mediziner jetzt erstmals nachweisen, dass unser Gehirn regelrecht umgebaut wird, wenn dieser Krieg über Monate und Jahre anhält und unser erschöpftes Gehirn permanent zwischen zwei oder mehr Reizen hin und her springt – und das nicht zu unseren Gunsten. „Unsere Nervennetzwerke werden massiv umstrukturiert. Durch die Überstimulation kommt es in unserem Gehirn zu einer Art mentalem Nebel. Kapazitäten werden massiv gedrosselt. Das Denk- und Erinnerungsvermögen verschlechtert sich. 

Kurzum, die langfristigen Effekte sind frappierend“, warnt der Neuropsychologe Daniel Levitin. In einer langfristigen Studie fand er zudem heraus, dass diese Umstrukturierungen unserer Gehirnfunktionen zu Angstzuständen, Depressionen sowie einem erhöhten Adrenalin- und Dopaminlevel führen können, was wiederum zu erhöhtem Aggressions- und Frustrationsempfinden führt. Und Mazda Adli, Stressforscher an der Berliner Charité ergänzt: „Chronische Erschöpfung löst eine Kaskade gesundheitlicher Schäden aus. Bestimmte Hirnregionen, die an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind, schrumpfen; das Volumen des Gehirns nimmt insgesamt ab.“ 

Jetzt könnte man annehmen, dass man mit regelmäßigem Schlaf diese Überstimulation ausgleichen und damit den Umbau verhindern kann. Und tatsächlich gilt der Schlaf als gesundes Regulativ des täglichen Neuronenfeuerwerks. In dieser Phase werden Erinnerungen abgespeichert, wird Erlebtes und Erlerntes verarbeitet, und unsere Gehirnkapazitäten regenerieren sich. Das Problem: Wir begeben uns immer seltener in diese Entspannungsphase beziehungsweise werden immer häufiger ohne Vorwarnung aus ihr herausgerissen. So hat die Digitalisierung dazu geführt, dass es keine nachrichtenlose Zeit mehr gibt – keine Informationspausen sozusagen. Noch vor 20 Jahren schien die Zeit zumindest nachts noch stillzustehen.

Jetzt wecken uns Eilmeldungen aus dem Schlaf, Nachrichten von Freunden werden rund um die Uhr versendet, und der blaue Bildschirm des Smartphones erleuchtet das Schlafzimmer. Das bedeutet: Mit jedem (noch so kurzen) bewussten Aufwachen wird der Speichervorgang und die Datenübertragung in unserem Gehirn plötzlich unterbrochen. Es ist, als ziehe man den USB-Stick aus dem Computer. Mit einem Unterschied: Selbst wenn der Speichervorgang im Gehirn zu 98 Prozent abgeschlossen ist – sobald er unterbrochen wird, steht er wieder bei 0 Prozent – keine Datei konnte übertragen werden. Und doch ist diese Auswirkung der permanenten Ablenkung und der daraus resultierenden Übermüdung nur die Spitze des Eisbergs. Denn erst allmählich, nach knapp zwei Jahrzehnten Forschung, wird klar, was chronische Erschöpfung langfristig mit uns macht – und wie tief die Schneisen der körperlichen Verwüstungen wirklich sind …

Ist Erschöpfung gefährlicher als rauchen? 

Jahrelang ging man davon aus, dass chronische Erschöpfung ausschließlich unsere Psyche manipuliert. Die ersten Langzeitstudien machen jetzt jedoch deutlich, dass ständige Übermüdung und akute Burn-outs auch unseren Körper umbauen – und das in einem wesentlich schädigenderen Ausmaß als bisher angenommen. Der Mediziner Samuel Melamed und sein Team von der Universität in Tel Aviv, Israel, fanden zum Beispiel heraus, dass Erschöpfung und Übermüdung Auslöser für einige der am weitesten verbreiteten Erkrankungen überhaupt sein können: „Bei chronisch Erschöpften finden wir mehr Entzündungs-Biomarker im Blut und erhöhte Lipid- und Cholesterinwerte“, berichtet Melamed. „Das sind klassische Risikofaktoren für Herzerkrankungen, Schlaganfall und Diabetes.“ 

Zu den Leiden der Erschöpften gehören zudem Magen-Darm-Probleme und Erkrankungen der Muskeln, Knochen und Gelenke. Außerdem gebe es Hinweise, so der Mediziner, dass sich andauernder Stress negativ auf die Fruchtbarkeit von Männern auswirke. Manche Wissenschaftler attestieren daher der chronischen Erschöpfung bereits eine ähnlich verheerende Wirkung wie dem Rauchen. Der Unterschied zum Nikotin: In Deutschland gibt es noch 14 Millionen Raucher – Tendenz: stark rückgängig. Dagegen leiden hier mittlerweile mehr als 20 Millionen Menschen unter Erschöpfungssymptomen. Tendenz: stark steigend. Dennoch unterschätzen bis heute viele Mediziner dieses Phänomen und ziehen die falschen Schlüsse. Wer zu den 20 Millionen Menschen gehört, die sich oft müde fühlen, findet in dieser Galerie die 21 Erschöpfungsfallen mit den passenden 21 Gegenstrategien…

>>> TEIL I: Wie Erschöpfung unseren Körper umbaut
WERBUNG / ADVERTISMENT

Mehr Artikel wie dieses