Parasiten

Toxoplasmose: Verändert ein Parasit unseren Charakter?

Fast jeder zweite Deutsche ist mit Toxoplasmose infiziert. Der Parasit nistet sich in unserem Gehirn ein und verbleibt dort ein Leben lang. Forscher vermuten, dass er von dort aus sogar unsere Persönlichkeit beeinflusst.

© iStock-Dr_Microbe

Toxoplasmose – hinter diesem Namen verbirgt sich eine der häufigsten parasitären Infektionskrankheiten der Welt. Auch in Deutschland sind, so informiert das Robert-Koch-Institut, etwa fünfzig Prozent der Bevölkerung mit dem Einzeller infiziert. Unbemerkt – die Ansteckung verläuft in der Regel ohne schwerwiegende äußere Symptome – dringt der Parasit in den menschlichen Körper ein, setzt im Gehirn fest und verbleibt dort ein Leben lang. Was er dort tut, ist unklar. Forscher vermuten jedoch: Er beeinflusst unseren Charakter.

Infektion durch Katzen, Gartenarbeit und rohes Fleisch

Toxoplasma gondii, so der volle Name des Parasiten, kann alle warmblütigen Lebewesen befallen. Mäuse oder Ratten, aber auch Vögel nehmen den Einzeller mit dem Futter auf. Wird ein solcher Wirtsorganismus von einer Katze gefressen, kann der Parasit sich fortpflanzen: In ihrem Darm legt er seine Eier, die dann ausgeschieden werden und – mit etwas Glück – von der nächsten Maus gefressen werden. So schließt sich der Lebenszyklus von Toxoplasma.  Der Mensch als Wirt gehört eigentlich nicht dazu; für Toxoplasma ist er eine Sackgasse, da er sich in ihm nicht vermehren kann. Doch durch engen Umgang mit Katzen, aber auch durch Gartenarbeit und den damit verbundenen Kontakt mit Katzenkot kann trotzdem eine Ansteckung erfolgen.

Auch der Verzehr von rohem Fleisch ist gefährlich: Schweine und Rinder können ebenfalls die von der Katze ausgeschiedenen Zysten mit dem Futter aufnehmen. Wird das Fleisch vor dem Verzehr nicht oder nur unzureichend gekocht, wie etwa bei Mett, Tartar oder blutigem Steak, gelangt der Erreger in den menschlichen Körper. Entwarnung für Vegetarier gibt es deswegen aber trotzdem nicht: Auch Salate und Gemüse können mit den Zysten aus dem Katzenkot verseucht sein. Eine Katze scheidet – bevorzugt in loser Gartenerde – pro Tag etwa zehn Millionen ansteckender Zysten aus, die dann über Monate hinweg infektionsbereit bleiben.

Der kritischste Zeitpunkt für eine Toxoplasmose-Infektion ist die Schwangerschaft: Steckt sich die Frau während oder kurz vor der Schwangerschaft mit dem Parasiten an, kann das zu erheblichen Schädigungen des Babys wie Missbildungen oder Lernbehinderungen und teilweise sogar zur Fehlgeburt führen. Auch bei Menschen mit Immunschwäche, etwa bei AIDS-Patienten, kann die Toxoplasmose schwerwiegende Folgen haben.

Was macht der Parasit im Gehirn?

Doch was geschieht bei einer Infektion mit Toxoplasma? Der Parasit kann sich im menschlichen Körper zwar nicht fortpflanzen, vermehrt sich aber dennoch in Form von so genannten Pseudozysten. Diese Pseudozysten sind eine so geschickte Tarnung, dass das Immunsystem sie gar nicht als Fremdkörper erkennt. Der Erreger vermehrt sich nämlich innerhalb körpereigener Zellen, bevor er sich dann im gesamten Körper ausbreitet und sich schließlich im Gehirn und in der Muskulatur festsetzt.

Schlimmer noch: Viele Forscher halten es für unwahrscheinlich, dass der Parasit einfach in unserem Gehirn verbleibt, ohne sich bemerkbar zu machen. Der tschechische Forscher Dr. Jaroslav Flegr untersuchte deshalb in zahlreichen Studien die unterschiedlichen Verhaltensweisen von infizierten und gesunden Menschen. Sein Ergebnis: Infizierte Menschen zeigten eine deutlich höhere Risikobereitschaft, neigten zu Stimmungsschwankungen und waren zudem aggressiver. Männer kämen häufig zu spät, neigten zu Aggressivität und Eifersucht, so Flegr. Infizierte Frauen hingegen würden warmherziger, neigten zu einem spontaneren Lebensstil und hätten häufig wechselnde Partner. Insgesamt konnte auch eine verminderte Lernbereitschaft und ein geringeres Interesse an höherer Bildung festgestellt werden.

Eine dänische Studie legt außerdem nahe, dass sich durch eine Toxoplasmose-Infektion die Suizidrate bei Frauen erhöht. Die Forscher hatten über 45.000 Probandinnen untersucht und festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Suizidversuchs bei den Infizierten um fünfzig Prozent höher lag. Auch gibt es mehrere Studien, die einen Zusammenhang zwischen Toxoplasmose und der Entwicklung von Schizophrenie beschreiben. Tiere, die mit Toxoplasmose infiziert waren, wiesen ebenfalls deutliche Verhaltensänderungen auf.

Wie aber der Parasit es genau schafft, unseren Charakter zu beeinflussen, ist jedoch noch nicht geklärt. Derzeit versuchen Forscher zu ermitteln, ob die Persönlichkeitsveränderungen allein auf den Parasiten zurückzuführen sind, ob möglicherweise noch andere Ursachen eine Rolle spielen oder entsprechende Anlagen schon vorher bestanden. In Deutschland arbeitet die Technische Universität Dresden an einer Pilotstudie, deren Ergebnisse Ende des Jahres publiziert werden sollen. 
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