Naturkatastrophen

Tödliche Woge: Wie Tsunamis entstehen

Am 26. Dezember 2004 verwüsteten gewaltige Flutwellen die Küsten Südostasiens. Zehntausende kamen ums Leben. Wäre die Katastrophe vermeidbar gewesen? Welt der Wunder erklärt, wie Tsunamis entstehen und was man tun kann, um die Menschen zu schützen.

Wie entstehen Tsunamis?

© imago/UPI Photo

Naturkatastrophen haben Menschen schon immer in Angst und Schrecken versetzt, besonders wenn es sich um ein so plötzlich auftretendes Phänomen wie eine Tsunami-Welle handelt. Die Woge ist deshalb so gefährlich, weil sie sich auf hoher See fast unsichtbar unter der Wasseroberfläche ausbreitet. Erst in der flacheren Küstenregion türmt sie sich zur vernichtenden Flutwelle auf – im Extremfall bis zu 100 Meter hoch. Die Riesenwelle, die am zweiten Weihnachtsfeiertag die Küsten Südostasiens erreichte, traf die Bevölkerung dort völlig unvorbereitet und brachte Zehntausenden den Tod. Hätte man das Ausmaß der Vernichtung mit Hilfe eines Tsunami-Frühwarnsystems verringern können? Die Frage kommt für die vielen Flutopfer zu spät. Doch für die Zukunft gilt es vorzusorgen, damit im Falle einer ähnlichen Katastrophe viel mehr Menschenleben gerettet werden können.

„Große Welle im Hafen“

Ein Tsunami ist ein vor allem aus dem Pazifik bekanntes Naturphänomen, das aber im Prinzip überall auftreten kann. Das Wort „Tsunami“ kommt aus dem Japanischen und bedeutet wörtlich übersetzt „große Welle im Hafen“. Den Begriff prägten japanische Fischer, die während ihrer Arbeit auf hoher See keine ungewöhnlich hohen Wellen bemerkt hatten, doch als sie vom Fischfang zurückkehrten, ihren Heimathafen durch eine Riesenwelle verwüstet vorfanden. Aber woran liegt es, dass die Fischer in ihren Booten den Tsunami nicht bemerkten?

Ausgelöst werden solche Flutwellen in der Regel durch unterseeische Beben und treten auf offener See zunächst nicht an die Wasseroberfläche. Erst wenn eine Tsunami-Welle im flachen Uferwasser ankommt, wird sie abgebremst und kann sich bis zu 40 Meter, im Extremfall sogar 100 Meter hoch auftürmen. Kurz bevor eine Riesenwelle die Küste erreicht, macht sie sich dann doch bemerkbar: Durch die Sogwirkung des Tsunamis zieht sich das Meer plötzlich vom Ufer zurück – viel weiter als das bei normaler Ebbe der Fall ist. 

Wie entstehen die Monsterwellen?

Etwa 86 Prozent aller Tsunamis werden durch unterseeische Beben verursacht. Wenn eine schwerere ozeanische Platte unter eine Kontinentalplatte abtaucht – Geowissenschaftler nennen das Subduktion – verhaken sich die Platten dabei ineinander, es kommt zu Spannungen im Gestein. Lösen sich diese Spannungen durch plötzliche ruckartige Bewegungen der Bruchschollen, kommt es zu Erdbeben am Grunde des Ozeans. Dabei verschiebt sich der Meeresboden nach oben oder unten. Auf die darüber liegenden Wassermassen wirkt dadurch Druck, der sie in eine senkrechte Bewegung versetzt – es entsteht eine Welle. Je nachdem wie stark sich der Boden hebt oder senkt, fällt diese mehr oder weniger groß aus. Wird der Meeresgrund besonders kräftig durchgerüttelt, kann sich eine Tsunami-Welle bilden, die das Festland erreicht und dort großen Schaden anrichtet. 

Tsunami-Wellen können enorme Geschwindigkeiten erreichen. Wie schnell sie werden, hängt von der jeweiligen Meerestiefe ab. Im Pazifik liegt der Ozeanboden durchschnittlich 4.200 Meter unter der Oberfläche. Bei einer solchen Tiefe können die Wellen mehr als 750 Kilometer pro Stunde erreichen, das entspricht in etwa der Geschwindigkeit eines Passagierflugzeugs. Doch die Wellen können auch noch schneller werden: in den Regionen, wo die Weltmeere am tiefsten sind, an die 1.000 Kilometer pro Stunde. Tsunamis bestehen immer aus mehreren Wellen, die sich kreisförmig in aufeinander folgenden Intervallen ausbreiten.

Auf einen Tsunami folgt die nächste Katastrophe

Ein Tsunami ist wohl eine der verheerendsten Naturkatastrophen, die den Menschen treffen kann. Bereits eine vergleichsweise kleine Flutwelle von drei Metern kann an einer ungeschützten flachen Küste mehrere hundert Meter tief ins Land eindringen und für gewaltige Verwüstungen sorgen. Doch nicht nur bei ihrem Vorwärtsdringen richtet die Welle verheerende Schäden an. Wenn sich die Wassermassen wieder zurückziehen, wird durch den Sogeffekt vieles hinaus auf die offene See gespült.

Da die Riesenwellen so unvermittelt auftreten, reißen sie auch immer wieder zahlreiche Menschen in den Tod. Weltweit wurden in den letzten zehn Jahren 82 Tsunamis registriert, die mehrere tausend Opfer forderten. Die aktuelle Katastrophe in Südostasien hat möglicherweise sogar über 100.000 Menschenleben gekostet. Doch eine Gefahr ist nicht nur die Welle an sich, auch die Verwüstung, die sie anrichtet, hat schwerwiegende Folgen. Da nach einer Flutkatastrophe sauberes Trinkwasser meist Mangelware ist, stellt der Ausbruch von Epidemien ebenfalls ein großes Risiko für die Menschen dar. 
Zerstörte Gebäude

© imago/UIG

Deiche und Evakuierung – der einzige Schutz gegen Tsunamis

Heutzutage ist es möglich, die Schäden eines Tsunamis, vor allem was die Zahl der Opfer betrifft, zu begrenzen. In Japan schützen sich viele Städte mit mächtigen Deichen vor den Riesenwellen. Allerdings hilft eine solche Schutzvorrichtung nicht immer. Deswegen ist es äußerst wichtig, vor allem die Gebiete unmittelbar an der Küste rechtzeitig zu evakuieren. Bis die Welle von ihrem Ausgangspunkt am Meeresgrund, dem Epizentrum, die Küste erreicht hat, können bei größerer Entfernung einige Stunden vergehen. Der betroffenen Bevölkerung bleibt theoretisch genügend Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass sie rechtzeitig gewarnt wird. Doch wie kann man wissen, wann die Gefahr einer großen Tsunami-Welle droht?

Sensibles Frühwarnsystem im Pazifik

Tsunamis vorherzusagen ist schwierig: Erst wenn ein Seebeben stattgefunden hat, weiß man, dass mit den Monsterwellen zu rechnen ist. Um in einem solchen Fall feststellen zu können, ob ein Tsunami entstanden ist, welche Stärke er hat und welche Küstenregionen er betreffen wird, ist im pazifischen Raum ein ausgeklügeltes Frühwarnsystem installiert. Ständig wird die gesamte Region durch Seismographen überwacht, um ein Beben sofort entdecken zu können. Bei der Auswertung der Daten dieser Messgeräte spielt das Pacific Tsunami Warning Center (PTWC) auf Hawaii eine wichtige Rolle. Innerhalb kürzester Zeit können Computer aus den Daten die Stärke und genaue Lage des Bebens berechnen.

Auch die Bewegungsrichtung der Bruchschollen lässt sich so feststellen. Wenn ein Erdbeben mit einer Stärke von 7 oder mehr auf der Richter-Skala entdeckt wird, muss ermittelt werden, ob das Beben tatsächlich eine Tsunami-Welle ausgelöst hat. Nur wenn mehrere Messstationen im pazifischen Raum charakteristische Veränderungen des Meeresspiegels registrieren, ist damit zu rechnen, dass eine Riesenwelle droht. Erst dann gibt das PTWC eine Tsunami-Warnung heraus, die über Radio- und Fernsehsender an die Öffentlichkeit gelangt. 

Keine „Alarmanlage“ im Indischen Ozean

Bei der aktuellen Katastrophe an den Küsten Südostasiens hätte ein Tsunami-Frühwarnsystem wie das im Pazifik möglicherweise zehntausende Menschenleben retten können. Doch obwohl im Indischen Ozean häufig mit schweren Seebeben zu rechnen ist, existiert eine solche „Alarmanlage“ dort noch nicht. Allerdings hätte diese allein noch nicht genügt. Um die betroffenen Menschen rechtzeitig zu erreichen, ist ein funktionierendes Kommunikationssystem notwendig. Und das gibt es bis heute weder in Indien noch in Thailand, Bangladesch oder Sri Lanka. Da die betroffenen Länder sehr arm sind, ist es für sie sehr schwer, ein kostspieliges Tsunami-Frühwarnsystem aufzubauen. Hilfe aus den USA, Japan oder Europa wäre dringend notwendig, um künftig zumindest die Opferzahl bei einer solchen Naturkatastrophe verringern zu können.

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