Worst Case Szenarien 2016

Teil 3: Was passiert, wenn der IS gewinnt?

Was würde ein Sieg des IS im Irak oder in Syrien bedeuten? Die Antwort findet sich in einem 7-Schritte-Plan der Terrorgruppe selbst.

IS

© Imago/Reporters

Es kommt nicht oft vor, dass US-Geheimdienstmitarbeiter dem eigenen Chef vorwerfen, zu lügen. Mehr als 50 Analysten des United States Central Command (CENTCOM), des Regionalkommandos der US-Streitkräfte für den Nahen Osten, legten im September 2015 beim Pentagon Beschwerde wegen gefälschter Berichte über Erfolge im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) ein. Der Geheimdienstchef von CENTCOM habe die Gefahr durch den IS heruntergespielt.

Denn die Wahrheit ist: „Grundsätzlich hat der IS bereits einen großen Sieg errungen; die Terrorkämpfer haben mehr als ein Jahr gegen eine US-geführte Koalition überlebt“, sagt der Nahost-Forscher Nick Heras. Dies sei mehr als nur ein Etappensieg, meint auch der ehemalige Vizepräsident der CIA, John Edward McLaughlin, und nennt drei Voraussetzungen dafür, dass der IS einen vollständigen Sieg davontragen kann.

  1. Es bleibt bei Luftangriffen der Anti-IS-Koalition. Ohne Bodentruppen kann sich der IS in Syrien und im Irak verschanzen und sich sogar weiter ausbreiten

  2. Der IS kontrolliert Bagdad. Weniger als 100 Kilometer trennen die Terrorkrieger heute von der irakischen Hauptstadt. Fällt Bagdad, fällt auch die irakische Regierung – und das Land versinkt im Chaos.

  3. Der Iran zieht sich zurück. Tatsächlich gehen die größten Erfolge gegen den IS auf das Konto der iranischen Revolutionsgarde. Allerdings fürchten die USA, Saudi-Arabien und Israel einen zu großen Einfluss des Iran im Irak – und könnten so hohen politischen Druck aufbauen, dass sich die Revolutionsgarde zurückziehen würde. Dann hätte der IS seinen ärgsten Feind verloren.

Doch was würde ein Sieg des IS im Irak oder in Syrien bedeuten? Die Antwort findet sich in einem 7-Schritte-Plan der Terrorgruppe selbst. Zurzeit befindet sich der IS in Phase 5 und 6 seines Plans. Phase 5 ist die Phase des Kalifats. Das haben die Terroristen Ende 2014 umgesetzt: die Ausrufung eines eigenen Staates. Der sechste Schritt ist die Phase der totalen Konfrontation, der Kampf gegen alle Ungläubigen – in diese Phase ist der IS mit den Anschlägen von Paris am 13. November 2015 eingetreten.
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Unbegrenzte Kontrolle

Nach außen hin propagieren die Terroristen ein stabiles, geordnetes Kalifat – sie bezahlen Löhne und betreiben Krankenhäuser und Schulen. Doch aus Augenzeugenberichten wissen wir: Diese Staatlichkeit ist nur vorgetäuscht. Ja, sie bezahlen Löhne. Doch dafür pressen sie die Bevölkerung in den eroberten Gebieten aus, berauben und deportieren Andersgläubige. In Wirklichkeit geht es dem IS ausschließlich um Kontrolle – über jeden Bereich des Lebens.

Kein Wunder, wenn man weiß, woher die Führer des IS stammen. Westliche Analysten sind sich sicher, dass ein Großteil der Führungsriege aus dem Geheimdienst Saddam Husseins stammt. Jahrelang haben der sunnitische Diktator und seine Republikanische Garde die schiitische Mehrheit unterdrückt. Nach dem Tod Saddam Husseins 2006 schlossen sich seine Geheimagenten unterschiedlichen Terrorgruppen an – und bereicherten diese mit ihrem Insider-Wissen.

Heute wünschen sie mit dem IS den Sturz der schiitischen Regierung im Irak herbei – und die Wiederherstellung der Machtverhältnisse vor dem Irakkrieg 2003. Ideologisch steht der IS somit dem ebenfalls sunnitisch geprägten Saudi-Arabien nahe – dem Ölstaat wird schon lange vorgeworfen, den IS finanziell zu unterstützen. Gelänge dem IS tatsächlich eine neue sunnitische Diktatur, würde sich der Blick der Saudis dem Iran zuwenden: dem großen schiitischen Feind.

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