Religion

Päpste des Mittelalters: Der Weg zur Weltherrschaft

Nie waren die Päpste einflussreicher: Im Mittelalter betrachteten sich die "Stellvertreter Gottes" als Herren der Welt. Zum Erhalt und Ausbau ihrer Macht war ihnen fast jedes Mittel recht – selbst vor Betrug und anderen dunklen Machenschaften schreckten sie nicht zurück.

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Sie krönten und exkommunizierten Kaiser und Könige, ja sie erhoben sogar den Anspruch, größer zu sein als jeder andere Mensch: Nie waren die Päpste mächtiger als im Hochmittelalter. Selbstbewusst bestimmten diese Priester-Fürsten die europäische Politik. Einige von ihnen rafften für sich und ihre Familien ungeheure Reichtümer zusammen – ohne Rücksicht auf die Bevölkerung.
 
Der Papst als religiöses Oberhaupt der Christenheit? Den Päpsten des Mittelalters war selbst das nicht genug. Sie wollten herrschen wie ein Kaiser, ja beanspruchten sogar eine noch höhere Stellung für sich. Doch was nützt ein Anspruch, wenn er keine Rechtfertigung und keine Grundlage hat? Mit der Lehre und dem Leben Jesu hatten die Taten dieser "Stellvertreter Christi" oft nur noch wenig gemeinsam. Das fanatische Sendungsbewusstsein so manchen Papstes machte auch vor Betrug und anderen verbrecherischen Machenschaften nicht Halt.

Die Konstantinische Schenkung

In Rom griff man deshalb zu einem Trick: Vermutlich in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts fertigten Geistliche ein dubioses Dokument an, die so genannte Konstantinische Schenkung. Die Urkunde gibt vor, von Kaiser Konstantin verfasst worden zu sein. Sie behauptet, dass der Herrscher, als er um 330 seine Residenz ins östliche Byzanz verlegte, das Abendland dem damaligen Papst Silvester geschenkt habe. Außerdem erklärt sie, dass der römische Bischof über allen anderen Bischöfen und Patriarchen stehe, auch denen des Ostens.

Ein Ketzer, der den Betrug nicht anerkannte

Alles Lug und Trug natürlich, doch die Päpste beriefen sich in den folgenden Jahrhunderten immer wieder auf diese Urkunde, ob in der Auseinandersetzung mit dem Kaiser, mit dem Patriarchen von Konstantinopel oder wenn es darum ging, das Territorium des Kirchenstaates in Italien zu vergrößern. Wer die Konstantinische Schenkung nicht anerkannte, galt als Ketzer. Erst im Spätmittelalter entlarvten der deutsche Theologe und Philosoph Nikolaus von Kues und der italienische Humanist Lorenzo Valla das Dokument als Fälschung.

Der Papst als Kaisermacher

Die universale Macht liegt beim Papst, erst von ihm erhält der Kaiser seine Herrschergewalt – mit einem geschickten Schachzug ließ Papst Leo III. diese Wunschvorstellung ein Stück weit Wirklichkeit werden. In Rom seines Lebens nicht mehr sicher war das Kirchenoberhaupt zu Karl dem Großen geflohen. Unter dessen Schutz konnte er zurückkehren und krönte zum Dank dafür den fränkischen König zum Kaiser. Leo selbst setzte Karl die Krone auf und präsentierte sich dadurch als Kaisermacher. So konnten die Päpste in Zukunft behaupten, nur ihnen stehe das Recht zu, die höchste weltliche Würde zu vergeben.
 
Die Weichen waren gestellt: Immer offener beanspruchten die Päpste die Oberhoheit über das christliche Abendland und kamen dadurch zwangsläufig mit Kaisern und Königen in Konflikt. Drei Inhaber des Stuhles Petri taten sich dabei besonders hervor: Gregor VII., Innozenz III. und Bonifaz VIII.

Der Dictatus Papae, Gregor VII.

Gregor war ein Mann von fanatischem Sendungsbewusstsein. Er glaubte den Willen Gottes zu erfüllen, wenn er seine unumschränkte Herrschaft in der Kirche durchzusetzen und die päpstliche über die weltliche Macht zu stellen versuchte. Sein Denken kommt im so genannten Dictatus Papae zum Ausdruck, einer Liste mit 27 Leitsätzen über die Stellung und Rechte des Papstes. Da steht zum Beispiel "Dass nur der römische Bischof zu Recht universal genannt werden soll." Oder "Dass allein der Papst kaiserliche Abzeichen tragen darf." Außerdem sei es diesem sogar erlaubt, Kaiser abzusetzen. Die meisten Thesen, die zum Teil ganz offensichtlich geltendes Recht brachen, stützten sich auf gefälschte Urkunden.

Gebannt und abgesetzt

Heinrich IV., der deutsche König, war erbost über den weltlichen Machtanspruch Gregors und forderte ihn zum Rücktritt auf. Denn er sah sich selbst von Gott in sein Amt berufen, der Papst dagegen war seiner Ansicht nach nur von Menschen gewählt. Der Gegenschlag Gregors ließ nicht lange auf sich warten: Er erklärte Heinrich nun seinerseits für abgesetzt und verhängte über ihn den Bann. Eine furchtbare Strafe für das Mittelalter, denn damit war der König aus der Kirche ausgestoßen und praktisch vogelfrei, sie bedeutete sogar den Verlust des ewigen Lebens. Außerdem wurden durch den Bann alle Lehnsmänner des Herrschers ihrer Pflichten entbunden. Die deutschen Fürsten nutzten die Gunst der Stunde und stellten Heinrich ein Ultimatum: Entweder er könne sich binnen Jahresfrist vom Bann lösen, oder sie würden einen neuen König wählen.

Der Gang nach Canossa

Was folgte, war der berühmte Gang nach Canossa. Heinrich überquerte im bitterkalten Winter des Jahres 1.077 die Alpen, um von Gregor die Aufhebung des Banns zu erreichen. Der Papst traute seinem Widersacher jedoch nicht und war vorsorglich in die uneinnehmbare Festung Canossa der Markgräfin Mathilde von Tuszien geflüchtet. Als Heinrich dort um Frieden bat, ließ Gregor ihn drei Tage und drei Nächte bei klirrender Kälte vor der Burg warten – obwohl der König nur mit einem wollenen Büßerhemd bekleidet war. Erst auf Drängen der Burgherrin löste der Papst den Bann. Vor aller Welt hatte er damit gezeigt, dass die geistliche Macht über der weltlichen steht.
 
Das Selbstbewusstsein der Päpste war gewaltig geworden. Innozenz III. bezeichnete sich in seiner Antrittspredigt vor dem römischen Volk nicht mehr, wie seine Vorgänger, als "Stellvertreter Petri", sondern direkt als "Stellvertreter Christi". Und über die Position des Papstes fügte er hinzu: "Er ist in die Mitte gestellt zwischen Gott und die Menschen, geringer als Gott, aber größer als der Mensch."

Einflussnahme auf die deutsche Königswahl

Seinen Worten ließ Innozenz Taten folgen: Er brachte Ordnung in die päpstliche Gesetzgebung, organisierte die Kurie fast wie ein modernes Wirtschaftsunternehmen und vergrößerte das Gebiet des Kirchenstaates auf das Doppelte. Schriftlich ließ dieser äußerst politische Papst festhalten, dass es ihm zustehe, auf die Wahl des deutschen Königs Einfluss zu nehmen – schließlich sei der Gewählte dann Kandidat für die Kaiserwürde. In Thronstreitigkeiten und Machtkämpfe hat sich Innozenz folgerichtig stets energisch eingemischt.

Nicht zimperlich bei der Wahl der Mittel

Innozenz war nicht zimperlich, was die Wahl seiner Mittel anging. So durften sich seine Verwandten mit Kirchengut bereichern, er selbst soll sogar die Ermordung eines Gegners gedeckt haben. Dass ein Papst derart skrupellos vorging, war schon Zeitgenossen ein Dorn im Auge. Und seine Nachfolger machten es kaum besser. Nicht umsonst wuchs die Sehnsucht, endlich einmal einen wirklich heiligmäßigen Papst zu haben. Nachdem sich 1294 das Konklave in Perugia zwei Jahre lang nicht auf einen Kandidaten hatte einigen können, war es endlich so weit: Keiner der mächtigen, ränkeschmiedenden Kardinäle, sondern der Eremit Peter vom Berg Morrone wurde zum neuen Papst gewählt.
 
Bezeichnenderweise nahm der Mönch den Namen Cölestin, der Himmlische, an. Von der Verwaltung der Kurie hatte er allerdings keine Ahnung, auch fehlte es dem menschenscheuen Papst wohl am nötigen Durchsetzungsvermögen. Schon nach wenigen Monaten entschloss sich Cölestin zurückzutreten – ein bis dahin einmaliger Vorgang in der Geschichte des Papsttums. Ob er diesen Schritt wirklich aus freien Stücken vollzog, oder ob, wie gemunkelt wurde, sein Nachfolger bereits die Finger im Spiel hatte, ist umstritten. Ein langes Leben war ihm jedenfalls nicht mehr vergönnt. Der neu gewählte Bonifaz VIII. ließ den Mönch aus Angst vor einer Spaltung der Kirche in der Burg von Fumone einschließen, wo dieser kurz darauf starb. Im Volk wurde Cölestin V. weiter als Engelpapst verehrt und schon bald heiliggesprochen.

Die Bulle "Unam Sanctam"

Bonifaz VIII. war eine gänzlich andere Persönlichkeit als sein Vorgänger, gierig nach Macht und Besitz. Er verfasste die berühmteste päpstliche Bulle des Mittelalters: "Unam sanctam". Darin bekräftigte Bonifaz, "dass es nur eine heilige, katholische und apostolische Kirche gibt." Und: "Außerhalb von ihr gibt es keine Erlösung und Vergebung der Sünden." Was für ihn gleichbedeutend war mit der Unterordnung unter die päpstliche Gewalt: "Es ist zum Heil für jedes menschliche Wesen unerlässlich, dem römischen Papst unterworfen zu sein." Diesem allein wurde also die Oberhoheit zugesprochen sowohl über die gesamte Kirche als auch über alle weltlichen Herrscher.

Kirchliches Jubeljahr 1.300

Schon die Zeitgenossen sahen es als Skandal, wie schamlos Bonifaz sich und die eigene Familie bereicherte. Nicht umsonst versetzte Dante seinen Erzfeind in der "Göttlichen Komödie" unter die Schacherer in der Hölle. Geschäftstüchtig war dieser Papst zweifellos: 1.300 verkündete er das erste kirchliche Jubeljahr. Pilgern, welche die Basiliken St. Peter und St. Paul mehrmals besuchten, wurde die Vergebung ihrer Sünden versprochen. Der Ansturm war überwältigend: Angeblich sollen zwei Millionen Besucher in Rom gewesen sein, Priester hätten das gespendete Geld mit Rechen zusammengeharkt.

Exil in Avignon und Schisma

Doch mit Bonifaz VIII. ging die Zeit der machtvollen Päpste zu Ende. Die vormaligen Herren des Abendlandes gerieten in die Abhängigkeit des französischen Königs und verlegten ihren Sitz nach Avignon. Im Jahr 1.378 kam es zum "Großen Abendländischen Schisma", zwei – zeitweise sogar drei –Päpste existierten nebeneinander. Und auch als schließlich wieder nur ein einziger Oberhirte in Rom residierte – eine solche Machtfülle und einen solchen Einfluss wie Gregor VII., Innozenz III. und Bonifaz VIII. hat kein künftiger Papst mehr erlangt. 

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