Kriminalität

Mythos "Verschwindenlassen": Wenn Menschen sich in Luft auflösen

Weltweit warten unzählige Familien auf Informationen über das Schicksal des vermissten Bruders, des verschleppten Vaters oder der entführten Tochter. Immer wieder verschwinden in Konflikt- und Kriegsgebieten Zivilisten und Soldaten spurlos. Mehr über die Hintergründe des "Verschwindenlassens".

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Sie zogen für ihr Land in den Krieg, traten für ihre politischen oder religiösen Überzeugungen ein oder waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort – und sind plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Meist sind es staatliche Organe, die regimekritische, "unbequeme" Personen festnehmen und diese dann – ohne es jedoch offiziell zuzugeben – festhalten. Doch auch nicht-staatliche Organe, wie die mexikanischen Drogenkartelle, lassen regelmäßig Menschen verschwinden.

Die plötzlichen Entführungen sollen politisch Aktive und deren Angehörige einschüchtern und verunsichern, um so jeglicher umstürzlerischen Gesinnung den Nährboden zu nehmen. Was zurückbleibt ist die zermürbende Ungewissheit und Ohnmacht der Angehörigen. Unzählige solcher Schicksale sind bis heute ungeklärt. Amnesty International spricht von über zwei Millionen Fällen – eine genaue Zahl zu ermitteln, ist nahezu unmöglich. Am 30. August gedenkt die Welt allen Verschwundenen und deren Familien.

Das Vorgehen ist ein dunkles Erbstück des Nazi-Regimes, eine Waffe aus Zeiten Hitlers, mit der dieser sich versprach, Widerständler in westlichen Besatzungsgebieten wirkungsvoll abzuschrecken. Zum festen Ausdruck wurde das "Verschwindenlassen" erst 1966, als die Medien über zahlreiche verschwundene Regierungsgegner in Guatemala berichteten. Von 1960 bis 1996 herrschte in dem zentralamerikanischen Staat Bürgerkrieg, der zwischen vier linken Guerillaorganisationen und der guatemaltekischen Regierung ausgetragen wurde. 13 Präsidenten kamen und gingen während dieser Zeit. Bis zu 250.000 Menschen, 83 Prozent davon Indigene, sind in dieser Zeit entweder getötet worden oder verschwunden. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges waren viele lateinamerikanische Länder sehr an dem repressiven Mittel interessiert und setzten es auch für ihre Zwecke ein.

Argentiniens "schmutziger Krieg"

So auch bei dem linken Aktivisten Jorge Daniel Argente. Als dieser am 17. Juli 1976 in Buenos Aires verschwand, konnte noch niemand ahnen, dass sich sein Schicksal erst 24 Jahre später durch einen DNA-Abgleich klären wird. Das Verschwinden von Jorge Daniel Argente ereignete sich zu einer politisch sehr unruhigen Zeit in Argentinien. Sieben Jahre lang (1976 – 1983) führte dort die argentinische Militärdiktatur einen "schmutzigen Krieg" gegen abertausende linke Oppositionelle, die sich gegen das rechte, autoritäre Militärregime auflehnten. Viele der politischen Gegner waren Studenten und andere Intellektuelle, die Armut und Ungleichheiten aus den gesellschaftlichen Strukturen verbannen wollten. Sie ließ die Regierung geheim und gewaltsam entführen, foltern oder ermorden. Das Schicksal von Argente ist nur eines unter vielen - bis zu 30.000 Desaparecidos (Verschwundene) wurden auf diese Weise radikal "aus dem Verkehr gezogen".
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Ein Viertel Jahrhundert ohne Antworten

Nachdem das Militär durch verstärkte oppositionelle Gegenwehr, schwere wirtschaftliche Probleme sowie den verlorenen Falklandkrieg seine Macht einbüßen musste, kehrte mit Präsident Raúl Alfonsín 1983 die Demokratie zurück. Alfonsín rief nach Amtsantritt eine Kommission ins Leben, die dem Schicksal der Verschwundenen nachgehen sollte. Forensische Anthropologen entdeckten und untersuchten unzählige Massengräber, deren menschliche Überreste sie mit abgegebenen Gen-Proben Angehöriger verglichen. Unter den Überresten waren auch die von Jorge Daniel Argente. 24 Jahre lang plagten Hugo Omar Argente unbeantwortete Fragen nach dem Verbleib seines Bruders. Nach fast einem Viertel Jahrhundert konnte seine geplagte Seele endlich Ruhe finden – nur auf die Frage, wie man Jorge Daniel verschleppte, konnte ihm keiner eine Antwort geben. Bis heute sind noch nicht alle Schicksale, für die das ehemalige Militärregime die Verantwortung trägt, geklärt …

Passive Opfer solcher Aktionen sind die Angehörigen der Verschwundenen. „Geht es ihm gut?“, „Bekommt sie etwas zu essen?“, „Wird sie gefoltert?“, „Lebt er noch?“: Fragen wie diese laufen in einer Endlosschleife im Kopf ab. In vielen Fällen müssen die Angehörigen irgendwann selbst einen Weg finden, um mit dem traurigen Kapitel abschließen zu können. Über Jahre hinweg sind sie in einem Käfig der Machtlosigkeit gefangen – darauf angewiesen, dass die staatlichen Behörden die Ermittlungen nicht einstellen. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem selbst eine Todesnachricht Erlösung und Abschluss verspricht – so wie bei Jorge Daniel.

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch spielen beim Vorgehen gegen diese menschenrechtsfeindlichen Praktiken eine wichtige Rolle. Sie wenden sich durch organisierte Protestaktionen und Demonstrationen an die Öffentlichkeit. Damit rücken sie die grausamen Taten nicht nur ins öffentliche Bewusstsein – sie üben durch die Berichterstattung der Medien gleichzeitig auch Druck auf die Verantwortlichen aus.

Einziger Informationskanal Rotes Kreuz

Eine Sonderposition unter den Organisationen nimmt das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) ein: Ein wichtiger Grundsatz des IKRKs ist seine Neutralität. Zusammen mit der Tatsache, dass sich das Komitee nicht an die Öffentlichkeit wendet, geht von ihm keine Bedrohung für die Entführer aus. Somit sind die Verantwortlichen zumindest in manchen Fällen dazu bereit, dem IKRK Zugang zu Gefangenen gewährt, sodass das Komitee Inhaftierte registrieren und Kranke oder Verletzte behandeln kann. Es ist der einzig mögliche Informationskanal, der minimale Auskünfte an die Familien weiterleiten kann.

Zwar ist es den Organisationen beider Ansätze – ob aktiv offensiv (Amnesty International) oder passiv neutral (IKRK) – bisher noch nicht gelungen, das "Verschwindenlassen" aus dem weltweiten Repertoire mächtiger Organe zu verbannen. Zusammen ist es ihnen jedoch in vielen Fällen gelungen, Opfer aus ihrer Gefangenschaft zu befreien oder diese zumindest vor dem kompletten Verschwinden zu bewahren.

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