Weltgeschichte

Kann gekränkte Eitelkeit zum Aufstieg einer Weltmacht führen?

Nachdem er vier Jahre lang auf der Seite der Briten gekämpft hat, wechselt George Washington frustriert zu deren Gegnern und wird Kommandeur der Kontinentalarmee, mit der er Amerika zur Unabhängigkeit führt.

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Als George Washington am 15. Juni 1775 das Kommando über die Kontinentalarmee angeboten bekommt, muss er mit seinen inneren Dämonen ringen. Er weiß, dass dies nicht nur der entscheidende Moment seiner Karriere ist, sondern auch der dunkle Wendepunkt – denn dieses Amt wird ihn zum Verräter machen. „Ich habe diesen Auftrag nicht gesucht, sondern alles in meiner Macht stehende getan, um ihm zu entgehen“, beteuert Washington. Und doch glaubt er, keine andere Wahl zu haben, als das Kommando anzunehmen und damit ausgerechnet gegen diejenigen in den Krieg zu ziehen, für die er jahrelang gekämpft hat. Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen? 
 
Rückblende: Im Dezember 1758 verlässt der junge Washington tief frustriert das britische Regiment. Vier Jahre lang hat der 26-jährige Oberst für die englische Kolonialmacht den Kopf hingehalten. Er hat unter widrigsten Umständen gegen Franzosen und Indianer gekämpft, dabei Hunderte seiner Männer verloren und mehrfach sein eigenes Leben riskiert, um die Grenze Virginias zu verteidigen. Und doch bleibt dem ehrgeizigen Washington, für den Ränge und Reputation alles sind, die in seinen Augen verdiente Würdigung verwehrt. 

Fahnenflucht

Mehr noch: Obwohl er überzeugt ist, dass seine rund 1.000 Mann starke Miliz allen anderen britischen Truppen im Guerillakrieg überlegen ist, bleiben seine Bitten um ein Offizierspatent unerfüllt. Gleiches gilt für die Forderung, seine Leute nach den Tarifen britischer Berufssoldaten zu bezahlen. Stattdessen wird er zeitweise degradiert und sein Regiment aufgelöst, um kompanieweise andere Truppenverbände zu verstärken. Die Folge: Der in seinem Stolz gekränkte Washington schmeißt hin und kehrt erst knapp 17 Jahre später auf die politische Bühne zurück – um als Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte seine einstigen Vorgesetzten zu bekämpfen. 
 
Washington hat die Seiten gewechselt, weil ihm der nordamerikanische Kongress endlich das zusichert, was ihm all die Jahre zuvor verwehrt wurde: die gebührende Anerkennung. Fortan steigt der Kommandant zur Schlüsselfigur der amerikanischen Revolution auf. Er geht aus unzähligen Schlachten als Sieger hervor und ebnet den Vereinigten Staaten so den Weg in die Unabhängigkeit, ehe er als erster US-Präsident das Fundament für den darauffolgenden Aufstieg der USA zur Weltmacht legt, die sie bis heute sind – und all das womöglich nur wegen eines verweigerten Offizierspatents.
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