WERBUNG / ADVERTISEMENT
Gesundheitswesen

Ja zur Organspende: Jede Entscheidung zählt

2017 wurden so wenige Organe gespendet wie seit 20 Jahren nicht. Liegt das am Misstrauen gegenüber Ärzten durch den Organspende-Skandal? Oder daran, dass man sich hierzulande immer noch ausdrücklich dafür entscheiden muss? Viele europäische Nachbarländer zeigen, wie es anders geht.

© iStock-Ben-Schonewille

WERBUNG / ADVERTISEMENT
Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Organspender noch weiter zurückgegangen: Der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) zufolge gab es nur 797 Spender, 60 weniger als im Vorjahr. So konnten im Jahr 2017 insgesamt 2.764 Organe (in 2016: 3.049) erfolgreich verpflanzt werden und Patienten zu einer besseren Lebensqualität verhelfen oder sogar das Leben retten. Im Schnitt wechseln 3,3 Organe eines Spenders den Besitzer.

800 Organspender – das ist wenig, denn sie werden dringend gebraucht. Aktuell warten 10.000 schwer kranke Patienten in Deutschland auf ein rettendes Organ. Dabei ist eine Transplantation bei lebensbedrohlichen Krankheiten oder dem Verlust wichtiger Organfunktionen für die Betroffenen häufig die letzte Überlebenschance. „Jedes Spenderorgan – ob Niere, Herz, Lunge oder Leber – bedeutet für einen schwer kranken Patienten auf der Warteliste eine neue Lebenschance“, sagt Dr. Axel Rahmel, Medizinscher Vorstand der DSO.

Sind die Organspende-Skandale schuld?

Der Abwärtstrend ist kein neues Phänomen: Nach den Transplantationsskandalen, die 2012 aufgedeckt wurden, sank die Zahl der gespendeten Organe im Jahr 2013 auf ein Rekordtief: Während die Statistik in den Jahren vor den Skandalen noch über 1.000 Spender verzeichnete, waren es in dem Jahr danach nur noch 876 Menschen – der bis dato niedrigste Wert seit der Verabschiedung des Transplantationsgesetzes 1997. Tatsächlich lag die Zahl der Spender laut offiziellen Statistiken seit 1991 niemals unter 1.000.

Was war passiert? Im Sommer 2012 ging die Staatsanwaltschaft Braunschweig anonymen Hinweisen nach. Der Vorwurf: Der Leiter der Transplantationschirurgie sollte am Uniklinikum Göttingen Krankenakten gefälscht haben, damit Patienten schneller ein Spenderorgan erhalten. Doch nicht nur das bestätigte sich: Wenige Monate später kam heraus, dass der Göttinger Oberarzt auch am Regensburger Uniklinikum, wo er zuvor tätig war, Krankendaten für Lebertransplantationen manipuliert hatte. Seine Methode: Er ließ seine Patienten kränker erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren, um so ihre Chance auf eine Spenderleber zu verbessern.

Dass sein Fall nur einer von vielen war, wusste damals noch keiner – bis heute kamen immer mehr Skandale ans Licht, sodass die Staatsanwaltschaft laut einem aktuellen Bericht der Süddeutschen Zeitung mittlerweile gegen mindestens zwölf Unikliniken ermittelt. Neben Göttingen und Regensburg wurden demnach auch in Hamburg, München und Leipzig Patientenakten gefälscht.

Das reformierte Transplantationsgesetz

Doch was veranlasst Ärzte dazu, Einfluss in die Wartelisten zu nehmen? Grundsätzlich können sich Patienten, die ein Organ wie Niere, Herz, Leber, Lunge, Bauchspeicheldrüse oder Dünndarm benötigen, auf eine Warteliste setzen lassen. Das Problem: Nicht jeder, der ein Organ benötigt, kommt auch auf die Liste. Ist etwa das Risiko einer Transplantation zu hoch oder ist die Wahrscheinlichkeit der Genesung zu gering, können sich die Ärzte gegen eine Aufnahme auf die Warteliste entscheiden. Nach dem Transplantationsgesetz müssen sie dem Patienten die Gründe dafür bzw. dagegen mitteilen. Ein Interessenskonflikt für Ärzte und Kliniken: Immerhin streben sie an, so viele Organe wie möglich zu verpflanzen – nicht zuletzt wegen dem Bonussystem, welches nach dem Skandal hart in der Kritik stand.

Das Transplantationsgesetz regelt aber nicht nur, welcher Patient auf die Warteliste darf und wer nicht. Es geht darüber hinaus um die Spende, Entnahme, Vermittlung und Übertragung von Organen, die nach dem Tode oder zu Lebzeiten gespendet werden. 2012 wurde es – unabhängig vom Manipulationsskandal – reformiert und EU-rechtliche Vorgaben für einheitliche Standards sowie die Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen umgesetzt. Alle über 16-Jährigen sollten befragt werden, ob sie bereit sind Organe zu spenden. Dazu schickten die Krankenkassen massenweise Informationen und Ausweise an ihre Versicherten, in der Hoffnung, dass sie sich freiwillig dazu bereiterklären (Eine Übersicht aller Änderungen der gesetzlichen Regelungen gibt es hier). 

Neben der verstärkten Aufklärung war allerdings für manche Experten die Neuorganisation in den Kliniken noch wichtiger. Denn als Organspender kommen nur Menschen infrage, bei denen der Hirntod vor dem Herzstillstand eintritt. In den Kliniken kommt es darauf an, diese Fälle rechtzeitig als mögliche Spender zu erkennen, angemessen mit den Angehörigen zu sprechen und eine Organentnahme professionell vorzubereiten und durchzuführen. Infolge der Reform des Gesetzes müssen die Kliniken dafür Transplantationsbeauftragte benennen, die den Prozess der Organspende koordinieren sollen und dafür von allen anderen Aufgaben freigestellt werden. 

© imago-photothek

Gewappnet für den Ernstfall

Dass diese Freistellungsregelung sich positiv auf die Transplantationsbereitschaft der Patienten auswirkt, veranschaulicht die Ärztezeitung am Beispiel Bayern. Hier wurden im vergangenen Jahr klare und verbindliche Regeln formuliert, womit die Beauftragten von anderen Aufgaben entbunden werden. Der positive Effekt: Während die Summe der gespendeten Organe im bundesweiten Vergleich gesunken ist, stieg die Zahl in Bayern um 18 Prozent. 

Doch was veranlasst gesunde Menschen dazu – unabhängig von den Skandalen im Jahr 2012 –, sich bewusst als Organspender eintragen zu lassen, bzw. es eben nicht zu tun? Die Entscheidung zur Organspende ist ein sehr persönliches Thema – und gleichzeitig gelebte Solidarität. Zwar kostet die Auseinandersetzung mit Themen wie Krankheit und Tod Überwindung; doch jeder kann selbst ganz überraschend auf eine Organ- oder Gewebespende angewiesen sein – etwa nach einem Unfall. 

Entscheiden oder widersprechen?

Mit der Aufklärungskampagne „Organspende – Die Entscheidung zählt!“ informiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) rund um das Thema Organ- und Gewebespende und beantwortet individuelle Fragen. Die klare Message: Ein „Jein“ zählt nicht, eine klare Entscheidung muss her – ansonsten müssen das im Zweifelsfall die nächsten Angehörigen beschließen, möglichst im Sinne des Verstorbenen; keine leichte Aufgabe in einer ohnehin schon schwierigen Situation. Laut einer repräsentativen Befragung der BZgA aus dem Jahr 2013 sind 68 Prozent der 14- bis 75-Jährigen bereit, nach ihrem Tod zu spenden – allerdings besitzen nur 28 Prozent dieser Gruppe auch einen Organspendeausweis.

Das niederländische Parlament hingegen möchte sich nicht mit einer fehlenden Entscheidung seiner Bevölkerung abfinden und hat jetzt eine Widerspruchslösung in der Organspende beschlossen. In der Praxis sieht das wie folgt aus: Jeder Volljährige bekommt eine schriftliche Mitteilung mit der Frage, ob er nach seinem Tod Organe spenden möchte. Wer nicht reagiert, wird automatisch als Spender registriert. Die Niederlande sind – z.B. neben Italien, Österreich, Portugal und Spanien – das 18. europäische Land, das mit dieser Maßnahme gegen die niedrigen Spenderzahlen ankämpfen möchte. 

Dass sich dieses System positiv auf die Anzahl der Organspender auswirkt zeigen die Spenderzahlen je Million Einwohner der europäischen Länder im Vergleich (Stand: 2016). Unter den Top Drei sind Spanien (43,4), Kroatien (38,6) und Portugal (32.6) – hier gilt überall die Widerspruchslösung. Aber nicht nur das: In Spanien sind auch die Strukturen in den Kliniken anders. Die Transplantationsbeauftragten sind speziell ausgebildete Mediziner, die sich voll und ganz auf diese Arbeit konzentrieren können, da sie von anderen Aufgaben freigestellt werden. Dies zeigt: Deutschland ist bereits auf dem richtigen Weg, die rote Laterne im Ländervergleich irgendwann wieder abgeben zu können. Auch wenn es mit 10,4 Spendern je Million Einwohnern kein Leichtes sein wird. 
WERBUNG / ADVERTISEMENT

Das könnte Sie auch interessieren

WERBUNG / ADVERTISEMENT
WERBUNG / ADVERTISEMENT
WERBUNG / ADVERTISEMENT
WERBUNG / ADVERTISEMENT