Unternehmer

Henry Ford: Zwischen Fließband und Faschismus

Er verhalf der US-Autoindustrie zu ihrem großen Durchbruch und ging überaus fair mit seinen Arbeitern um; dennoch ist Henry Ford bis heute mehr als umstritten. Der Industrielle galt wegen seiner faschistischen Tendenzen auch als „Diktator von Detroit“ und hetzte öffentlich gegen Juden.

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Acht-Stunden-Schichten, Fünf-Tage-Wochen, Stundenlöhne von fünf Dollar: Kein Fabrikbesitzer in den USA ging zu Beginn des 20. Jahrhunderts so gut mit seinen Arbeitern um wie Henry Ford. Doch der Automobilhersteller hatte auch eine andere Seite; eine, die so gar nicht zum Bild des fortschrittlichen Industriellen mit sozialem Gewissen passen will. Sein Führungsstil provozierte Vergleiche mit dem italienischen Diktator Benito Mussolini – und Adolf Hitler bezeichnete den Verfasser judenfeindlicher Hetzschriften sogar als „Inspiration“. 

Arbeiter als Roboter

Würde man allein die Arbeitsbedingungen in Fords Fabriken als Maßstab nehmen, man müsste ihn für einen großen Kämpfer für die Sache der Arbeiter halten. Der Industrielle aus Detroit beschäftigte sogar Afroamerikaner und osteuropäische Einwanderer, die es am US-Arbeitsmarkt des frühen 20. Jahrhunderts sonst schwer hatten. Doch der Eindruck des selbstlosen Fabrikbesitzers verblasst beim näheren Hinschauen recht schnell: Um seine Autos zu konkurrenzlos niedrigen Preise anzubieten, führte Ford die Fließbandarbeit ein und reduzierte so die Herstellungskosten. Jeder der Arbeiter in seinen Fabriken hatte nur eine Aufgabe, die er wie ein Roboter immer wieder und wieder durchführte – acht Stunden pro Tag, fünf Tage in der Woche. Dementsprechend sinnentleert und monoton war der Alltag an den Fließbändern. Doch Fords Kalkül ging auf: Dank hoher Löhne und kurzer Arbeitstage waren Jobs in seinen Fabriken heiß begehrt; soziale Sicherheit und Zeit für die Familie wog für die meist ungelernten Arbeiter schwerer als eine abwechslungsreiche Tätigkeit.

Der Diktator von Detroit

Wer einen Job bei Ford ergatterte, musste sich um sein Auskommen zwar keine Sorgen mehr machen – er begab sich aber auch in ein System strikter sozialer Kontrolle. Der Autofabrikant stellte strenge Regeln auf, die tief in das Privatleben seiner Arbeiter eingriffen: Wie sie zu wohnen hatten, was sie essen sollten, womit sie ihre Freizeit verbrachten; all das wurde von dem Industriellen vorgegeben. Kontrolliert wurde die Einhaltung dieser Regeln durch eine eigene Abteilung der Ford Motor Company: das Sociology Department. Wer nicht Fords Idealbild eines amerikanischen Arbeiters entsprach, bekam Lohnabzüge.
 
Es war aber nicht nur die Kontrolle seiner Arbeiter, die Ford den Ruf eines Diktators einbrachte. Der Industrielle betrieb auch ein so genanntes Service Department, das von dem zwielichtigen Ex-Boxer Harry Bennett geleitet wurde. Diese interne Sicherheitsabteilung erinnerte stark an politische Kampfverbände, wie sie in Deutschland zur Zeit der Weimarer Republik weit verbreitet waren. Sie überwachte die Fabrikarbeiter und ging mit allen erdenklichen Mitteln gegen Demonstranten und Gewerkschafter vor – selbst vor Schusswaffengebrauch schreckte Bennetts Truppe nicht zurück. Wegen ihrer Brutalität wurde sie hinter vorgehaltener Hand als „Fords Gestapo“ bezeichnet. Auch der Industrielle selbst musste mit Faschismus-Vergleichen leben: In einem Artikel über Ford titelte die New York Times 1928 „Der Mussolini vom Highland-Park“.

Vorbild der Nazis

Henry Ford als – vorsichtig formuliert – schwierige Persönlichkeit zu beschreiben, legen allerdings nicht nur seine diktatorischen Führungsmethoden nahe. Der Autofabrikant war auch überzeugter Antisemit: „Die Lösung der Judenfrage ist in erster Linie Sache der Juden; tun sie es nicht, so wird die Welt sie lösen.“ Aussagen wie diese, zu finden in Fords Buchreihe „Der internationale Jude: Ein Weltproblem“, fielen gerade bei den Kriegsverlierern in Deutschland und Österreich auf fruchtbaren Boden, wo die Judenfeindlichkeit in den 1920er Jahren dramatisch zunahm. Für die damals noch relativ unbedeutenden Nationalsozialisten wurde der US-Amerikaner zu einem regelrechten Vorbild: Der spätere SS-Chef Heinrich Himmler beschrieb Ford 1924 in einem Brief als einen „der wertvollsten, gewichtigsten und geistreichsten Vorkämpfer“, Hitler in einem Interview mit den Detroit News im Jahr 1931 als „Inspiration“.

Im Juli 1938 bekam Henry Ford sogar einen Orden von den Nazis verliehen: das Großkreuz des Deutschen Adlerordens. Der Industrielle war der erste US-Amerikaner, der diese Auszeichnung erhielt – nur einen Monat vor dem General-Motors-Chef James Mooney. Beide Autofabrikanten besaßen Fabriken im Deutschen Reich und verdienten gut am dortigen Verkauf von Fahrzeugen, dafür wurden sie ausgezeichnet. Fords Antisemitismus spielte bei der Verleihung also keine Rolle – der Industrielle hatte seinem Judenhass zudem bereits im Jahr 1927 offiziell abgeschworen. Völlig freiwillig kam Fords „Läuterung“ aber nicht zustande: Erst nachdem er wegen Verleumdung verklagt worden war, entschuldigte er sich für seine judenfeindlichen Publikationen. Aus der Zeit nach 1927 sind keine antisemitischen Aussagen mehr von ihm bekannt – im Jahr 1942 setzte er sich sogar in einem offenen Brief gegen Judenfeindlichkeit ein und äußerste die Hoffnung, dass diese eines Tages für immer aufhören würde.
 
So deutlich Henry Ford dem Antisemitismus öffentlich abgeschworen hatte, so wenig irritierte ihn aber offensichtlich der Judenhass im Deutschen Reich. Anders lässt sich kaum erklären, warum der Industrielle in Nazi-Deutschland Autos und später auch Lastwagen für die Wehrmacht produzieren ließ. Erst mit der US-Kriegserklärung gegen das Deutsche Reich im Dezember 1941 verlor die Ford Motor Company offiziell jeglichen Einfluss auf ihre deutsche Tochter in Köln – inoffiziell gab es aber weiterhin Kontakte. Und während der ebenfalls mit dem Großkreuz des Deutschen Adlerordens geehrte IBM-Präsident Thomas J. Watson dieses 1940 zurückgab, hat sich Ford von seiner Auszeichnung durch die Nazis nie distanziert. So bleibt bis heute ein zweigeteiltes Bild von Henry Ford: Auf der einen Seite der fortschrittliche Unternehmer, der hohe Sozialstandards in seinen Fabriken einführte – auf der anderen Seite der diktatorische Industrielle und judenfeindliche Publizist, dessen späte Abkehr vom Antisemitismus eher nach politischem Kalkül als nach echter Überzeugung aussieht.
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