Südamerika

Geheimnisvolle Kolosse: Das Rätsel der Osterinsel

Seit Jahrhunderten lassen sie fremde Besucher erstaunen: die Moai, steinerne Riesen, die eine fremdartige Kultur hinterlassen hat. Wer stellte diese Kolosse auf? Woher kamen ihre Schöpfer? Und weshalb ging ihre Welt einst zugrunde?

© Imago-Blickwinkel

Die Ureinwohner nannten ihre Heimat „Te Pito o Te Henua“: Ihre Insel war für sie der „Nabel der Welt“. Erst der Holländer Jacob Roggeveen taufte das Stück Land Osterinsel – schlicht deshalb, weil er es am Ostersonntag im Jahre 1722 entdeckte. Seit Jahrhunderten beeindrucken die imposanten Spuren, die eine fremdartige Kultur hier hinterlassen hat. Hunderte von steinernen Riesen sind auf der ganzen Insel verstreut: die düster vor sich hinblickenden Moai. Sie sind Relikte einer bis heute geheimnisvollen Vergangenheit. Die ältesten stammen aus dem 7., die jüngsten aus dem 17. Jahrhundert. Noch bis zum heutigen Tag geben sie Historikern Rätsel auf. 

Wahrheit und Legende

Ursprünglich lebten zwei rivalisierende Stämme auf der Pazifikinsel: die „Kurzohren“ und die „Langohren“ – so genannt wegen ihres Brauchs, die Ohrläppchen durch hölzerne Pflöcke bis zu den Schultern herabzuziehen. Schöpfer der Moai waren die „Langohren“. Legenden erzählen, dass jeder ihrer Clans einen eigenen Kultplatz (Ahu) pflegte. Die dort aufgestellten Moai übertrugen durch ihre Augen Kraft, Weisheit und Schutz auf das Oberhaupt der Familie. Neben vereinzelt stehenden Moai finden sich auf der Insel auch ganze Kultanlagen. Zu einem solchen Ensemble gehören Steinstufen, die auch als Begräbnisstätten dienten und zugleich die Moai trugen. Davor öffnet sich ein Platz, der vermutlich für Versammlungen gedacht war und auch die Häuser der Priester umfasste. Einig sind sich die Archäologen heute lediglich darüber, dass die Moai entweder Häuptlinge oder Götter darstellen.

Zunächst nahm man an, die Moai wären Abbilder Verstorbener. Jedoch tauchten bei späteren Ausgrabungen Augäpfel auf. Sie verwandelten die toten Augenhöhlen in Abbilder lebender Geschöpfe. Die Inselbewohner fertigten das Augenweiß aus Muschelkalk und die Pupillen aus schwarzem Obsidian. Eine Theorie geht davon aus, dass die Statuen ihr Augenlicht erst an ihrem endgültigen Standort erhielten, damit die magische Wirkung nicht irrtümlich etwas Falsches treffen könne.

Aus einer späteren Zeit stammt der mysteriöse Vogelkult der Insel. Da die Rituale noch bis ins Jahr 1862 fortlebten, konnten Forscher die Insulaner noch selbst befragen. Auch zahlreiche in Stein gemeißelte „Vogelmänner“ erzählen davon: Am Kraterrand des Vulkan Rano Kau befindet sich in halsbrecherischer Lage das Heiligtum des Vogelgottes Orongo: Jedes Frühjahr hielten dort die Stammesfürsten ein gefährliches Ritual ab: Es galt, das erste Ei des heiligen Vogels Manutara zu finden – einer schwarzen Wanderschwalbe. Sie brütete in den zerklüfteten Lavafelsen der Insel Motu Nui. Wer das Ei zurückbrachte, wurde für ein Jahr zum „Vogelmann“ gekürt – vorausgesetzt, er überlebte es, durch den Pazifik zu schwimmen. Denn dort wimmelte es von Haien. Erreichte der Held mit Ei das Ufer, war er ausgezeichnet durch die Gunst des Schöpfergottes Makemake. Ein ganzes Jahr lang lebte er einsam auf Orongo und schützte von dort die Insel.

Die Geburt einer Insel

Vor rund zweieinhalb Millionen Jahren sprengte sich ein mächtiger Vulkan ans Licht der Welt. Sein Name: Rano Kau. Die gewaltigen Lavamassen kühlten im Wasser ab und bildeten die Insel „Rapa Nui“ (große Insel). Kein Fleck der Erde liegt einsamer. Fast 4.000 Kilometer trennen sie vom südamerikanischen Festland. Weitere Vulkanausbrüche folgten. Seit langem jedoch sind die feuerspeienden Berge der Insel erloschen. Dennoch gleicht der Krater des Rano Kau einem „gigantischen Hexenkessel“: Grünes Schilf bedeckt das pechschwarze Wasser in seinem Schlund – in 200 Meter Tiefe.

Doch woher kamen die ersten Inselbewohner? Und wie konnten sie die Insel erreichen? Sie mussten mit primitiven Booten über viele Tausend Kilometer den Ozean bezwungen haben. Die These, es seien Polynesier gewesen, geriet ins Wanken, als der Norweger Thor Heyerdahl 1947 mit seinem legendären Holzfloß Kon-Tiki von Peru aus nach Tahiti gedriftet war. Nun war auch eine Besiedelung der Osterinsel durch südamerikanische Völker denkbar. Zu gerne würde man glauben, dass die Inka auch die Schöpfer der steinernen Riesen sind. 

Beim Anblick der meterhohen und tonnenschweren Kolosse drängen sich auch rein praktische Fragen auf: Wie schafften es die Einwohner der Insel, die Figuren an ihren endgültigen Standort zu bewegen – zum Teil bis zu zehn Kilometer weit – und sie dort aufzurichten? Wie konnten sie sie aus dem Vulkangestein im Steinbruch Rano Raraku herausschneiden? Der höchste jemals aufgerichtete Moai misst etwa zehn Meter und bringt stattliche 82 Tonnen auf die Waage. Der amerikanische Archäologe W. Mulloy schätzt, dass an einer Figur bis zu drei Steinmetze mit Faustkeilen etwa ein Jahr lang arbeiteten. Transport und Aufrichtung veranschlagt er mit weiteren fünf Monaten. Hilfsmittel hierfür könnten geglättete Baumstämme gewesen sein. Es kommen aber auch vorgefertigte Steinkugeln in Frage, von denen unzählige auf der Insel zu finden sind. Die Ureinwohner selbst hatten eine andere Erklärung: Sie waren überzeugt, dass die Moai mit Hilfe von magischer Kraft ganz von alleine zu ihrem Platz wanderten.

Der Untergang einer einzigartigen Kultur

Die Bewohner der Osterinsel brachten eine eigene, sehr hochstehende Kultur hervor. Davon zeugen heute nicht nur die Moai und die Darstellungen um den Vogelmenschen. Die Insulaner besaßen auch eine eigene Bilderschrift – die erste im Pazifikraum überhaupt: Sie besteht aus etwa 120 verschiedenen Figuren, die sich aus Motiven des Vogelmenschen-Kultes ableiten. Die Ureinwohner ritzten sie mit Haifischzähnen in Holzstücke und nannten diese deshalb „sprechende Hölzer“ (Kohau rongorongo).

Dass die Bewohner auch astronomische Kenntnisse besaßen, beweist die Aufstellung von zwei Steinen, durch die die Sonnenstrahlen genau am 21. Dezember hindurchfallen – ein Sonnenkalender. Er befindet sich in der Nähe der Höhle de Tepahu. Auch ein teilweise zerstörter Ahu bei Orongo weist drei auffällige Löcher auf: Steckt man eine Rute hindurch, zeigt ihr Schatten die Tageszeit an.

Als in den 30er Jahren die ersten wissenschaftlich interessierten Forscher auf die Insel kamen, war ein Großteil der Inselbewohner bereits von gewissenlosen Sklavenjägern verschleppt worden. Bei der Zwangsarbeit auf den Guanoinseln starben sie einen jämmerlichen Tod. Doch damit nicht genug: Der unliebsame Kontakt mit Fremden brachte auch Pocken, Tuberkulose und Lepra auf die Insel, so dass auch die restliche Bevölkerung schnell dahingerafft war. Das Schicksal nahm die Priester nicht aus. Zusammen mit ihnen entschwand das Wissen um die Kulthandlungen und um die Deutung der Schriftsymbole. Als im Jahr 1888 Chile die Insel annektierte, hatten weniger als 150 Menschen überlebt. Die alte Kultur war untergegangen.
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