Kriminalität

Fanpost für den Massenmörder: Wer sind die Groupies der Schwerverbrecher?

Das Böse übt auf viele Menschen eine merkwürdige Faszination aus. Doch für einige bleibt es nicht beim bloßen Anschauen von Krimis oder Horrorfilmen: Sie suchen den Kontakt zum Serienkiller. Bonnie-und-Clyde-Syndrom nennt sich das Phänomen, bei dem der Täter zum Objekt der Begierde wird.

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Dexter Morgan heißt der fiktionale Held der Kriminalserie Dexter. Tagsüber arbeitet er als Forensiker bei der Polizei von Miami, doch nachts wird er zum Serienkiller. Obwohl er grausame Morde begeht, ist Dexter für viele Zuschauer ein geradezu liebenswerter Charakter und eine Identifikationsfigur. Seine Fangemeinde äußert sich in zahlreichen Internetforen und Diskussionsgruppen: „Er ist der sympathische Serienkiller von nebenan“, ist dort zu lesen. Oder: „Ich liebe Dexter…Serienkiller oder nicht!“ Mitunter identifizieren sich die Fans selbst mit dem Hauptcharakter: „Als ich die erste Folge sah, dachte ich, dass ich genau wie Dexter bin, nur ohne das Töten.“ Das Phänomen Dexter liefert für Wissenschaftler den Beweis, dass Zuschauer eine parasoziale Beziehung zu einem fiktiven Mörder eingehen und bei seinen Gewalttaten regelrecht mitfiebern können.

Aus Nervenkitzel wird blutiger Ernst

Ob Geisterbahn, Horrorfilm oder Bungee-Jumping: Experten wie der Psychiater Professor Theo Payk nennen diese Suche nach dem ultimativen Nervenkitzel Angstlust. Manche Menschen begeben sich ganz bewusst in gefährliche oder brenzlige Situationen, um sich der damit verbundenen Furcht zu stellen. Doch sie alle wissen: Die Geisterbahn endet irgendwann, der Horrorfilm ist nicht real, und das Seil rettet den Bungee-Jumper vor dem Tod. Eine mögliche Erklärung für den Reiz des Grauens ist laut Payk, dass sich die Hirnzentren für Lustempfinden und Angst bei manchen Menschen dicht nebeneinander befinden. Der britische Psychoanalytiker Michael Balint beschreibt Angstlust als das Aufgeben und Wiedererlangen von Sicherheit. Es gibt aber Menschen, denen die bloße Inszenierung der Horrorfilme nicht genügt: Sie suchen den Kontakt zu realen Schwerverbrechern – schreiben Fanpost an Gefängnisinsassen, Liebesbriefe an Serienkiller oder machen Kindermördern Heiratsanträge.

Das Bonnie-und-Clyde-Syndrom                         

Filme, Bücher und Musik liefern fiktionale Welten oder Schutzräume, in denen wir unsere Fantasien ausleben können. Doch manche Menschen gehen weiter: Sie fühlen sich von Kriminellen sexuell angezogen und suchen ihre Nähe. Dieses sogenannte Bonnie-und-Clyde-Syndrom wird von Wissenschaftlern wie dem amerikanischen Psychologen und Sexologen John Money auch Hybristophilie genannt. Obwohl Hybristophilie eine so beunruhigende wie ernstzunehmende psychische Störung ist, wurde sie bisher nur ansatzweise erforscht. Bekannt ist, dass sie sowohl bei Frauen als auch bei Männern auftreten kann. Meistens seien es Professor Payk zufolge aber Frauen, die sich in männliche Verbrecher verlieben. Dies liege wohl ganz einfach daran, dass Männer zehnmal mehr Straftaten als Frauen begingen.
 
Im Juli 2011 ermordete der rechtsextremistische Amokläufer Anders Behring Breivik in Norwegen kaltblütig 77 Menschen. Der Großteil der Opfer seiner menschenverachtenden Tat waren Jugendliche. Er wurde zu 21 Jahren Haft verurteilt – und zeigt keinerlei Reue. Und trotz – oder gerade wegen – seines grausamen Verbrechens erhält der Massenmörder Liebesbriefe von Mädchen im Teenageralter und Heiratsanträge von älteren Frauen. Laut dem zuständigen forensischen Psychiater Terje Törrissen erhalte Breivik  auch einige Hassbriefe, doch der Großteil sei positiv. Auch Einsendungen aus Deutschland seien dabei. Doch was bewegt Menschen dazu, jemanden so zu verehren, der derartige Gräueltaten begangen hat?

Verbrecher und ihre Verehrer

Auch der kanadische Pornodarsteller Luka Magnotta erlangte durch einen grausamen Mord weltweite Berühmtheit: Im Mai 2012 filmte der 29-jährige Magnotta sich selbst, als er einen chinesischen Studenten tötete und zerstückelte. Die Leichenteile verschickte er anschließend an politische Parteien und Schulen in Kanada. Im Juni konnte der flüchtige Magnotta schließlich in einem Internetcafé in Berlin gefasst werden. Nach seiner Tat hatte Magnotta 1.700 Fans auf seiner Facebook-Seite, zahlreiche sprachen ihm Mut zu, einige gründeten sogar ihre eigenen Magnotta-Fan-Seiten im Internet. Woher kommt der Wunsch, einem Gewalttäter nahe zu sein?

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Spiel mit dem Feuer

Hybristophilie ist ein Spiel mit dem Feuer: So lange der Täter in Haft ist, bleibt er ungefährlich. Die amerikanische Journalistin Sheila Isenberg und Autorin des Buches „Women who love men who kill“ ( "Wenn Frauen Mörder lieben. Hintergründe einer rätselhaften Faszination") ist der Ansicht, dass es sich bei den Fans oft um Personen handelt, die in ihrer Kindheit missbraucht oder misshandelt wurden. Gerade deshalb suchten sie Isenberg zufolge nach einem Partner, den sie kontrollieren könnten.  Bei einem Mann, der hinter Gittern sitzt, hätten sie die Zügel in der Hand. Sie könnten entscheiden, wann ein Treffen stattfindet, und sind die einzige Verbindung für den Häftling zur Außenwelt.

Psychiater Theo Payk, Autor des Buches

„Das Böse in uns“, widerspricht Isenbergs Theorie: Seiner Ansicht nach ist Hybristophilie nicht immer die Folge von Missbrauch und Misshandlungen in der Kindheit. Wir alle haben laut Payk eine dunkle Seite – doch die meisten von uns können diese unter Kontrolle halten. Menschen, die vom Bonnie-und-Clyde-Syndrom betroffen sind, haben „Bedürfnisse, die anderweitig nicht befriedigt werden können“. Dennoch: Eine einzige Erklärung gibt es nicht. Hybristophilie entsteht durch „Defekte im Kopf, durch Prägung und bestimmte Auslöser“. Demnach kann nicht jeder hybristophil werden; vor allem „labile Menschen ohne festen Kern oder einen ausgeprägtem Charakter“ neigen zu dieser Störung.

Die Groupies der Serienkiller

Wer nun glaubt, Hybristophilie sei ein Phänomen der Gegenwart, der irrt: Das Bonnie-und-Clyde-Syndrom gibt es schon länger. Internet und soziale Netzwerke bieten lediglich einen neuartigen Raum, in dem Fans ihre Begierden ausleben können – doch diese Fans, auch Serial Killer Groupies genannt, gab es schon immer. In den späten 1960er Jahren war Charles Manson der Anführer einer kalifornischen Hippie-Kommune – der „Manson Family“. Sie bestand größtenteils aus jungen, drogenabhängigen und labilen Frauen, die alle an Mansons bizarre Weltanschauung glaubten – laut der Manson Satan und Jesus in einer Person verkörpere. Manson prophezeite einen Rassenkrieg zwischen Schwarzen und Weißen; als dieser nicht eintraf, ließ er seine Anhänger Mitglieder der weißen Oberschicht brutal ermorden.

Die dunkle Seite

Die Frauen in Mansons Fall sind sogenannte aggressive Hybristophile. Das bedeutet: Sie unterstützen den Verbrecher  in seinen kriminellen Handlungen, indem sie zum Beispiel die Opfer anlocken, ihm bei den Morden Hilfe leisten und die Leichen verstecken. Passive Hybristophilie hingegen beschränkt sich auf Briefe, in denen die Fans dem Täter Zuspruch entgegenbringen – oder versuchen, ihn zu bekehren. Derartige „Serial Killer Groupies“ schrecken teilweise nicht  einmal davor zurück, die Unschuld des Täters im Zeugenstand zu beteuern: Dem Massenmörder Ted Bundy wird nachgesagt, zwischen dreißig und einhundert Frauen bestialisch ermordet zu haben. Doch sein gutes Aussehen, seine Redegewandtheit und sein Charme verhalfen ihm zu einer Schar an weiblichen Fans – darunter auch seine Freundin,  spätere Ehefrau und Mutter seines Kindes, Carol Ann Boone. Die junge Frau war so geblendet von Ted Bundys Charme, dass sie vor Gericht seine Unschuld bezeugte – vergebens, Bundy wurde dreimal zum Tode verurteilt. Nach acht Jahren Ehe erkannte Carol Ann Boone endlich das Monster in Bundy, reichte die Scheidung ein und tauchte mit dem gemeinsamen Kind unter. Sheila Isenberg ist überzeugt, Boone habe Bundy niemals wirklich geliebt – was sie liebte sei ihre eigene Fantasiewelt gewesen, die sie um den Killer gesponnen hatte.

Schuld und Therapie

Breivik, Magnotta, Boone und die Manson Family sind nur wenige Beispiele aus der Rechtsgeschichte. Es gibt unzählige Fälle des Bonnie-und-Clyde-Syndroms, doch in der Öffentlichkeit ist davon nur wenig bekannt. Dabei ist Hybristophilie eine ernstzunehmende Störung. Bislang gibt es keine festgelegte Methode um Hybristophilie zu diagnostizieren, geschweige denn spezifisch auf das Problem zugeschnittene Behandlungsmethoden. 
 
Einig sind sich Sheila Isenberg und Theo Payk in einem Punkt: Die Medien spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Laut Theo Payk üben aus den Nachrichten bekannte Personen eine Faszination auf uns aus, egal ob durch gute Taten oder Negatives. Manche Menschen nehmen genau deshalb Kontakt zu Verbrechern auf; sie versuchen sich in ihrer Prominenz zu spiegeln und hoffen, dass ein wenig ihrer Berühmtheit auf sie abfärbt. 

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