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Imperialismus

Die letzten Tage der Inka: Stand ihr Untergang in den Sternen?

Die Eroberung des Inka-Reichs gilt als eines der größten Rätsel der Geschichte: Wie konnten 170 Spanier das riesige präkolumbische Imperium zerschlagen? Experten meinen die Antwort in den Sternen gefunden zu haben.

© iStock-Danor_a

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Innerhalb weniger Jahrzehnte erschufen die Inka das größte Reich, das in Südamerika je existierte. Mit 4.600 Kilometern erstreckte es sich auf eine Länge, die etwa der Entfernung Deutschlands zum Sudan entspricht. Durch Wüsten und Hochgebirge erbauten die Inkas ein 40.000 Kilometer umspannendes Straßensystem, die Lebensadern des Reiches.

Sie unterwarfen 250 Völker und bauten prunkvolle Städte und Tempel, die noch heute von Touristen aus aller Welt bestaunt werden. Ihre landwirtschaftlichen Bewässerungssysteme in mehreren Tausend Meter Höhe brachten sie zu einer derartigen Perfektion, dass kein Mensch im Inkareich Hunger leiden musste. Auch auf dem Gebiet der Chirurgie waren ihre Kenntnisse unvergleichlich zu jener Zeit: Sie führten bereits Schädel-Operationen mit einer Präzision durch, von der wir Europäer damals nur träumen konnten.

Bedrohtes Imperium

Zehn Millionen Menschen bevölkerten das Inka-Imperium, als plötzlich 250 Gestalten südamerikanischen Boden betraten, die den Einheimischen höchst seltsam erscheinen mussten. Großgewachsene Weiße, denen Haare aus dem Gesicht sprießen, auf den Rücken ungeheuerlicher Vierfüßler, weit größer als Lamas. Was die ahnungslosen Beobachter der Inka mit Neugier verfolgten, stellte sich als die größte Bedrohung heraus, der das Inka-Reich jemals ausgesetzt war.

Der Anführer dieser fremden Meute hieß Francisco Pizarro. Die sagenhaften Erzählungen vom Gold in der Neuen Welt lockten ihn im Alter von etwa 30 Jahren auf die Karibik-Insel Hispaniola. In den darauffolgenden Jahren brachte er es bis zum Hauptmann und wechselte seinen Wohnsitz nach Panama. 

Ein Schweinehirt will die Neue Welt erobern

Von hier aus nahm Pizarro an mehreren Erkundungsfahrten in die Neue Welt teil, bevor er 1528 noch einmal nach Spanien zurückkehrte. Mit knapp 60 Jahren hatte er längst das Alter erreicht, um in den Ruhestand zu gehen. Angestachelt vom Triumph des Eroberers Hernán Cortés über das Aztekenreich und den Berichten über unermessliche Goldschätze im Süden, setzte der Abenteurer jedoch noch einmal alles auf eine Karte: In der Expedition seines Lebens wollte er seinen Traum von grenzenlosem Ruhm und Reichtum wahr machen, das Märchenland endlich finden und erobern.

Im April des Jahres 1532 war es soweit. Voller Erwartung landete der ehrgeizige Abenteurer Pizarro in der Bucht von San Mateo, an der Küste des heutigen Peru. 250 Mann konnte er in seiner spanischen Heimat für das waghalsige Unternehmen auftreiben. Desperados allesamt, die in ihrem Leben nichts mehr zu verlieren hatten. Die Gier nach Gold und Ruhm trieb sie über den Atlantik, in eine unbekannte Welt.

Goldgier stärkt Kampfgeist

Auf ihrem Weg ins Landesinnere trafen die Invasoren schon bald auf die ersten Ureinwohner. Es folgten die ersten Scharmützel mit den Indianern der Küstendörfer. Auf die Eindringlinge waren die meisten nicht gut zu sprechen, aus gutem Grund: Bereits zwei Jahre zuvor waren die Marodeure mit ihren Segelschiffen bis hierher gelangt und den Einheimischen in schlechter Erinnerung geblieben. Auch Pizarros Schergen jagten in ihrer Gier nach Gold plündernd durch die Häuser und stahlen alles, was ihnen wertvoll erschien. 
 
Das erste Gold gab den Abenteurern Kraft, es trieb sie weiter. Immer tiefer stießen sie gen Süden vor. In Gebiete, die vor ihnen noch kein Mensch der Alten Welt je betreten hatte. Einige Stämme erwiesen sich trotz des rauen Auftretens der Spanier als äußerst hilfsbereit. Manche schlossen sich den bärtigen Exoten auf ihrer Reise gar an. Die Spanier waren verblüfft – doch sie sollten den Grund für die Unterstützung bald erfahren. 

Bruder-Krieg im Inka-Reich

 Das mächtigste Reich, das die Neue Welt je gesehen hatte, befand sich in der Krise. Nachdem Inka-König Huayna Capac 1528 den Pocken zum Opfer gefallen war, stürzten seine Söhne Atahualpa und Huascar das Imperium in einen folgenschweren Krieg um die Herrschaft im Reich. Atahualpa ging 1532 aus der Entscheidungsschlacht als Sieger hervor und nahm seinen Bruder gefangen. Die Familie Huascars ließ er bestialisch ermorden und auf Pfählen am Straßenrand aufspießen. Atahualpa war der neue Herrscher. Doch die vielen Völker im Inkareich befanden sich noch immer in Aufruhr, die Macht des Fürsten stand auf wackeligen Beinen.
 
Der Inkakönig wusste längst über die sonderbaren Eindringlinge Bescheid. Er hatte bereits von ihrer unbändigen Sucht nach dem gelben Metall gehört, das nur den Inka-Adel schmücken durfte. Dass diese gierigen Plünderer es auch auf sein Leben abgesehen hatten, ließ er sich nicht träumen. 

Das Straßensystem der Inka

 Wie war es möglich, dass der Inka-König so schnell von den fremden Eindringlingen erfuhr? Die Antwort gibt das einmalige Wegenetz des Inka-Reiches, bestehend aus gepflasterten Straßen von bis zu sieben Metern Breite im Flachland, steilsten Andenpässen, hunderte von Hängebrücken mit bis zu 50 Metern Länge und schmale, in Stein gehauene Treppen. Insgesamt betrug die Gesamtlänge des erstaunlichen Straßennetzes über 40.000 Kilometer.
 
In kürzester Zeit konnte so jeder Winkel des Imperiums erreicht werden. Schnellboten bewältigten in einem ausgeklügelten Ablöseverfahren innerhalb weniger Tage Tausende Kilometer. So blieb dem Inka-König keine Bewegung der Europäer verborgen. Aber nicht nur Nachrichten wurden überbracht; auch für Gütertransporte und Truppenbewegungen war das Straßensystem für die Inka von großem Vorteil – am Ende jedoch verhängnisvoll. Denn auch der spanische Eroberer wusste die ausgebauten Straßen auf seinem Marsch nach Cajamarca zu schätzen.

Das Goldfieber betäubte Pizarros Angst vor dem Unbekannten, und trieb ihn und seine Mannen in ein Himmelfahrtskommando. Doch seine Verwegenheit sollte sich schon bald bezahlt machen. Der Konquistador wollte mit seinen 170 Männern dem mächtigen Inka-König gegenübertreten. Er war das letzte Hindernis vor dem Schatz seiner Träume. Pizarro wusste, dass Atahualpa sich nach seiner erfolgreichen Schlacht mit einem 40.000 Mann starken Heer auf dem Weg durch die Anden befand, in Richtung der Stadt Cajamarca. 

Der Hinterhalt wird gelegt

Pizarro nistete sich mit seinen Leuten in Cajamarca ein. Der Konquistador verlor keine Zeit – noch am selben Abend schickte er zwei Reiter und einen Dolmetscher in das nahegelegene Zeltlager Atahualpas. Sie sollten dem Inka-Herrscher die Einladung für ein Treffen überbringen. Pizarro wollte ihn nach Cajamarca locken, denn er hatte einen verwegenen Plan ausgeheckt: Er wollte den Inka-König in die Stadt locken und überwältigen. Vor den Augen seines 40.000 Mann starken Heeres.
 
Und doch war es wohl Pizarros einzige Möglichkeit: mit einem Handstreich in dem zentralistischen Staat den Kopf auszuschalten. Im Inka-Reich hing alles von Atahualpa ab, nichts geschah ohne den Willen des Herrschers.

Der Tag der Entscheidung 

Als die Nacht hereinbrach, war das Tal von Cajamarca von einem Meer aus Lagerfeuern umgeben. In der Stadt selbst herrschte unheimliche Stille. Unsicherheit und Angst machte sich breit unter den Spaniern. Würden sie den nächsten Tag überleben, wenn der Inka-König mit seinen Kriegern in die Stadt einrückt? Warum waren sie nur hierhergekommen? 
 
Samstag, 16. November 1532. Im Morgengrauen rief Pizarro seine Leute zusammen und informierte sie über seinen Plan, den Herrscher der Inka gefangen zu nehmen. Die Soldaten bereiteten sich vor.

Die Falle schnappt zu

Gegen Mittag erreichten die Truppen Atahualpas die Stadt. Auf dem großen Platz von Cajamarca angekommen, versammelte sich der 7.000 Mann starke Inka-Zug. Verwundert zog die Delegation um Atahualpa in die Stadt ein – kein Spanier war zu sehen.
 
Pizarro beobachtete den eintreffenden Inka-Herrscher aus seinem Versteck. Jetzt begann der erste Teil seines tollkühnen Plans: er schickte den Pater Vicente de Valverde, begleitet von einem Dolmetscher, auf den Platz. Bestückt mit einer Bibel und einem Holzkreuz näherte sich der Geistliche langsam dem Gott-König Atahualpa. Was wollte er von ihm? Und wie würde der Inka-Herrscher reagieren?

Erfüllung einer Prophezeiung?

Der Pater hob seine rechte Hand mit dem Holzkreuz – und begann, aus der Bibel vorzulesen. Anschließend forderte er Atahualpa auf, seinem Irrglauben abzuschwören und sich zum Christentum zu bekehren. Außerdem sollte er sich dem spanischen Kaiser unterwerfen, ab sofort wäre er ihm tributpflichtig. Wie erstarrt hörte der Inka-Herrscher zu, bevor er sich Valverde hasserfüllt zuwendete und ihn fragte, wie er dazu komme, sich derartige Frechheiten anzumaßen. Er nahm die Bibel aus der Hand des Paters, warf einen kurzen Blick in die Seiten und warf das Buch zu Boden.
 
Das war das Zeichen zum Angriff, ein abgekartetes Spiel. Die spanischen Truppen stürmten aus ihren Verstecken und fielen über die unbewaffneten Indianer her. In nur einer halben Stunde schlachteten die Konquistadoren mit ihren Lanzen und Schwertern 7.000 wehrlose Menschen ab. Atahualpa wurde gefangen genommen. Unter den Spaniern hingegen gab es keinen einzigen Verletzten.

Die Macht der Sterne 

Was sich hier auf dem großen Platz von Cajamarca vor nahezu 500 Jahren abspielte, beschäftigt die Historiker noch heute. Wie konnte es geschehen, dass 170 Abenteurer vor den Augen einer Streitmacht von 40.000 Mann ein derartiges Massaker anrichten und den Inka-Herrscher als Geisel nehmen?
 
Warum das Heer der Inkas nicht eingriff, ist nach wie vor eines der größten Rätsel der Geschichte. Ein Rätsel, das der Historiker William Sullivan lösen möchte. Er ist sich sicher: Es gibt einen Grund, weshalb die Inka tatenlos zusahen, wie ihr Reich in die Hände der Spanier fiel. Dieser Grund lag Sullivan zufolge in den Sternen. Der Historiker hat erforscht, welch immense Bedeutung die Inka den Sternen der Milchstraße beimaßen. Sie nannten die Milchstraße „maju“, den Fluss. Dieser Fluss galt den Inka als Brücke, eine Verbindung zwischen den Menschen und der Welt der Götter. 

Als der Himmel den Kontakt mit der Erde verlor

Solange die Milchstraße den Horizont berührte, bestand diese Verbindung. Sollte sie jemals getrennt werden, wäre das der Untergang der Welt. William Sullivan fand heraus, dass der Untergang der Inka bereits hundert Jahre vor Atahualpas Zeit in einem Orakel vorhergesagt worden war. Sullivan konzentrierte seine Forschungen auf das Jahr 1432. Zu jener Zeit stand nur noch ein winziges Stück der Milchstraße in Kontakt mit dem Horizont – und entfernte sich immer weiter, bis zum Eintreffen der Spanier in der Bucht von San Mateo als der Kontakt endgültig abbrach. Die Prophezeiung hatte sich erfüllt.
 
Der gefangene Inkafürst Atahualpa wusste genau, dass die Fremdlinge es auf das gelbe Edelmetall abgesehen haben. Er versuchte, mit Pizarro zu verhandeln und bot ihm an, für seine Freilassung einen 35 Quadratmeter großen Raum bis zur Decke mit Gold und zwei weitere mit Silber zu füllen. Dem Spanier glänzten die Augen bei dieser Vorstellung. Nach kurzer Überlegung ließ er sich auf den Handel ein.
 
Aus dem ganzen Land brachten die Inka Schmuck und andere Wertgegenstände aus purem Gold. Es war der größte Schatz, der in der Neuen Welt jemals erbeutet wurde. In ihrer Ignoranz ließen die Spanier alles einschmelzen, die Öfen brannten 34 Tage lang ohne Unterbrechung. 

Der goldene Dolchstoß

Der Inkafürst hatte sein Wort gehalten. Doch der Spanier dachte nicht daran, seinen Teil der Abmachung einzuhalten. Er machte Atahualpa einen Scheinprozess und verurteilte ihn zum Tode wegen Götzenanbetung. Am 26. Juli 1533 vollstreckte der Henker das Urteil. Atahualpa wurde mit dem spanischen Würgeisen, der Garotte, die Luftröhre zusammengequetscht. Nach dem qualvollen Erstickungstod des mächtigen Herrschers war das Inka-Reich zerschlagen.
 
Doch auch der spanische Eroberer Pizarro konnte sich nicht mehr lange über seinen Reichtum freuen. Acht Jahre später wurde ihm seine Gier nach Gold zum Verhängnis. Im Streit um Ruhm und Gold brachten ihn seine eigenen Landsleute in seinem Palast in Lima um.
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