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Bomben-Entschärfung in Deutschland

Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg: Der Tod lauert im Boden

Rund 5.000 nicht explodierte Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg werden jährlich in Deutschland entdeckt. Die meisten davon hat das Sprengstoffkommando schnell unter Kontrolle – mit Ausnahmen.

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Mitte Mai wird der Balkan nach tagelangen Regenfällen von der schwersten Überschwemmung seit über 100 Jahren heimgesucht. Unzählige Menschen stehen vor dem Nichts. Die Wassermassen haben zudem eine sehr perfide Gefahr ans Tageslicht befördert: alte Landminen aus dem Bosnien-Krieg der 1990er-Jahre. Seit Ende des Krieges schlummern dort zehntausende Blindgänger im Erdreich und werden nun willkürlich in den betroffenen Gebieten angeschwemmt. Bislang wurde noch niemand verletzt oder gar getötet – doch die Uhr tickt und das Bosnische Minenzentrum muss schnell handeln.


Euskirchen, 3. Januar 2014, 13.15Uhr

Ortswechsel: Rund 40 Kilometer südlich von Köln bebt am 3. Januar 2014 die gesamte Stadt Euskirchen. Auslöser dafür ist jedoch kein Erdbeben, sondern eine britische Luftmine aus dem Zweiten Weltkrieg, ein sogenannter Blindgänger, der im Krieg nicht planmäßig detonierte. Ein Baggerfahrer traf mit seiner Schaufel den Sprengkörper und löste damit den Zünder aus. Er war sofort tot. Messerscharfe Glassplitter und Steine schossen durch die Luft und verletzten 13 weitere Personen. Selbst in 30 Kilometern Entfernung war die Wucht des Knalls noch zu hören.


Deutschlands zerstörerisches Weltkriegserbe

Nahezu 250.000 Bomben sind in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs nicht planmäßig explodiert – ein Erbe, dessen metaphorischer Vergleich mit einer tickenden Zeitbombe auf makabre Art und Weise zutrifft. Immer wieder tauchen Blindgänger aus dem Untergrund auf, so dass Spezialeinheiten einrücken müssen, um die Bomben unschädlich zu machen. Derzeitige Schätzungen von Experten belaufen sich auf rund 100.000 unentdeckte Spreng-, Streu-, und Brandbomben. Sie können nahezu überall versteckt liegen: in Innenstädten, unter Wohngebieten, in Flüssen oder unter Autobahnen. Vor allem am Niederrhein, in Brandenburg, dem Ruhrgebiet, in süddeutschen Großstädten, in Hamburg und in Dresden schlummern die hinterhältigen Todbringer. Manche von ihnen liegen nur knapp unter der Oberfläche, andere metertief im Erdreich.


Zufallsfunde vs. Präventivsuche

In den meisten Fällen werden die schlafenden Zerstörer zufällig bei Bauarbeiten entdeckt, wie der Fall in Euskirchen zeigt. Der aktuellste Fund war ebenfalls purer Zufall und ereignete sich am 21. Mai 2014 in Rosenheim und Mühldorf, wo Bauarbeiter an beiden Bahnhöfen nahezu gleichzeitig auf eine Fliegerbombe stießen. Die Liste an Zufallsfunden ist lang. Eine (kosten)aufwändige, vorbeugende Suche wird selten betrieben, denn: Bomben sind Ländersache und der Bund unterstützt keine Präventivsuche mit finanziellen Mitteln. Nur Oranienburg ist eine Ausnahme: Kampfmittelexperten suchen in der brandenburgischen Kleinstadt nahe bei Berlin systematisch nach Blindgängern. Von hier aus fuhren Soldaten im Zweiten Weltkrieg an die Ostfront, was die Stadt zu einem bevorzugten Ziel der amerikanischen Luftwaffe machte.


Beruf Kampfmittelräumer: Im Angesicht des Todes

Dreh- und Angelpunkt bei einem Bombenfund ist der Kampfmittelräumdienst. Er ist zuständig für die Bergung, Entschärfung und Entsorgung herrenloser Kriegswaffen, die vor 1945 produziert wurden, sowie für Munition der Armeen des ehemaligen Warschauer Paktes. Ein perfekt ausgebildeter Kampfmittelräumer kennt 200 verschiedene Alliierten-Bomben mit 120 unterschiedlichen Zündern in- und auswendig. Nur so kann er Blindgänger mit absoluter Sicherheit identifizieren und entscheiden, ob eine Entschärfung möglich ist oder ob er eine kontrollierte Sprengung durchführen muss. In jedem Fall muss der Kampfmittelräumer unter Einsatz seines Lebens die tödliche Bombe direkt am Fundort bändigen – sie zu transportieren wäre noch riskanter.
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Eine ruhige Hand und starke Nerven

Ist ein Zünder in der Bombe, dann ist sie auch scharf. Ist dieser identifiziert, folgt der heikelste Moment für den Räumdienst: Er muss den Zünder herausdrehen und damit die Bombe entschärfen oder mit einer kontrollierten Sprengung den Kampfstoff vernichten. Gelingt es dem Kampfmittelräumer den Zünder zu entfernen, wird der Sprengstoff abtransportiert und anschließend entweder gezielt gesprengt oder durch extreme Hitze in einem speziellen Ofen zerstört.

Langzeitzünder: perfide und hochsensibel

Göttingen, 1. Juni 2010: Noch bei den Vorbereitungen, eine Fliegerbombe zu entschärfen, detoniert unerwartet der 500 Kilogramm schwere Sprengkörper und kostet drei Sprengmeistern das Leben. Die Bombe war mit einem chemischen Langzeitzünder versehen - eine besonders perfide und hochempfindliche Apparatur. Sie bewirkt, dass die Explosion bis zu 48 Stunden verspätet eintritt und so im Krieg auch noch Menschen tötet, die nach einem Luftangriff ihre Schutzräume verlassen. Nach knapp 70 Jahren ist das Altmetall meist hochgradig korrodiert und somit äußerst anfällig für Bewegungen – eine Tatsache, die den drei Kampfmittelräumern in Göttingen zum Verhängnis wurde.

Der Ritt auf dem Pulverfass

Seit dem Jahr 2000 kamen elf Mitarbeiter von Kampfmittelräumdiensten bei ihrer Arbeit ums Leben. Ob man bei den gefährlichen Bergungsschritten nicht darauf verzichten kann, dass ein Mensch manuelle Arbeiten am Sprengkörper vornimmt? Nicht ganz, aber fast. Ende 2011 präsentiert die Stadt Hamburg ein sogenanntes mobiles Hochdruckwasserschneidgerät, das mittels 2.400 bar Wasserdrucks den Zünder aus der Bombe fräst. Das Gerät arbeitet zwar eigenständig, doch muss es vorher an die Bombe angebracht und eingestellt werden. Das dafür lebenswichtige Wissen und die Feinmotorik eines Sprengmeisters kann es nicht ersetzen.
Wie lange es tatsächlich noch dauern wird, bis alle Weltkriegserben aufgespürt und unschädlich gemacht worden sind, vermag keiner zu sagen. Die genaue Anzahl versteckter Bomben ist unbekannt, die Zufallsfunde sind zu unberechenbar. Wir werden wohl noch über Jahrzehnte auf einem explosiven Pulverfass sitzen.

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