Stromausfall

Blackout: Was passiert, wenn der Strom ausfällt? (2/2)

Ein Berliner hat im Schnitt Lebensmittel für vier Tage vorrätig, ergab eine Studie der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht. Nur 17 Prozent der Bevölkerung können sich länger als fünf Tage ernähren. Doch reicht das für einen Total-Blackout? Bislang geht man davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit gering ist, das so etwas passiert. Aber was, wenn doch?

Blackout, Stromausfall

© Imago/Steinach

„Ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu verhindern. Trotzdem ist ein diesbezügliches gesellschaftliches Ausfallbewusstsein nur in Ansätzen vorhanden“, so Experten. Gerade Großstädte sind gefährdet, da in den tendenziell kleineren Wohnungen Platz zum Lagern fehlt. „Die Netze sind die Achillesferse der Versorgung“, sagt der Berliner Stromexperte Thomas Leitert. „Mit einer gezielten Sabotageaktion an nur drei Stellen rund um Berlin könnte man die gesamte Hauptstadt von der Versorgung abschneiden.“ Anschließend wäre das ganze System so instabil, dass sich in einer Kettenreaktion immer mehr Leitungen abschalten. Das könnte sich bundesweit oder sogar in ganz Europa zu einem Super-GAU ausweiten.

Es kann Wochen dauern, bis wieder Normalität herrscht

„Und wenn erst einmal alles zusammengebrochen ist, kann es Wochen dauern, bis wieder Normalität herrscht“, erklärt Leitert – wenn das überhaupt noch zu schaffen ist. Das ist nur die Situation heute. Denn das größte Problem steht uns erst noch bevor: Denn mit dem Umbau des Stromnetzes zu einem sogenannten Smart Grid – also der Umwandlung von der zentralen Steuerung durch wenige Kraftwerke hin zu einem intelligenten Zusammenschluss zahlreicher kleiner Erzeugungseinheiten wie Windrädern oder Solaranlagen – wird dessen Anfälligkeit und Angreifbarkeit wahrscheinlich sogar noch um ein Vielfaches ansteigen. „Früher mussten die Versorger vielleicht zweimal im Jahr nachregulieren, also Kraftwerke zu- oder abschalten, um die Stromversorgung sicherzustellen, heute an mehr als 200 Tagen im Jahr“, weiß Leitert. Gerade die sogenannten Smart Meter eröffnen Hackern hier viele Möglichkeiten. Diese vernetzten Stromzähler sind nichts anderes als kleine Computer, die keinen menschlichen Ableser mehr brauchen und direkt mit dem Stromversorger kommunizieren. In Südeuropa sind sie bereits weitverbreitet. Auch in Deutschland ist ihr Einbau inzwischen Pflicht.

Doch erst 2014 ist es den spanischen Sicherheitsforschern Alberto Garcia Illera und Javier Vazquez Vidal wieder einmal gelungen, in diese Geräte einzudringen und sie zu manipulieren. Nach ihren Angaben konnten sie danach sogar den Strom in ganzen Stadtvierteln abschalten. Hinzu kommen geschäftliche Überlegungen, die die Versorgungssicherheit bedrohen. Strom ist mittlerweile ein Wirtschaftsgut geworden, das an den Börsen gehandelt wird wie Aktien. Zwischen 50 und 3.000 Euro pro Megawattstunde können die Preise schwanken, je nach Angebot und Nachfrage. Doch auch diese Börsen können crashen, wenn sich die Beteiligten verspekulieren: Erst im Februar 2012 standen die Stromnetze kurz vor dem Kollaps, weil statt des teuren regulären Stroms illegal auf die deutlich billigeren Notreserven zurückgegriffen wurde. Hätte es zwischen dem 6. und dem 9. Februar einen technischen Störfall gegeben, wäre das Netz wohl zusammengebrochen, konstatiert die Bundesnetzagentur.

Wie gefährlich ist ein Brownout?

Selbst ein sogenannter Brownout, bei dem es noch Reste an Notstrom gibt, die intervallartig an verschiedene Regionen verteilt werden, wäre bereits katastrophal. Eine Schweizer Übung aus dem Jahr 2014 unter Realbedingungen zeigte, dass die Versorgung mit 30 Prozent der normalen Menge genauso schwer zu handhaben wäre wie ein Totalausfall. Bestimmte Industriesysteme benötigen einfach immer Strom, dort wirken sich bereits geringste Schwankungen verheerend aus. „Das Szenario eines Strommangels wird massiv unterschätzt. Wir müssen uns jetzt damit auseinandersetzen, ehe uns die Realität einholt“, erklärt Toni Frisch, Projektleiter der Schweizer Sicherheitsverbandsübung. Nur langsam gelangt das Wissen über das vielleicht verletzlichste Einfallstor einer Gesellschaft ins Bewusstsein.

Wie viele Kraftwerksüberfälle finden täglich statt?

Die Planungen von Terroristen für einen Blackout könnten sogar schon laufen, denn kriminelle Hacker dringen stündlich in Kraftwerke und Versorgungsunternehmen ein. „Nach der öffentlichen Verwaltung ist der Energiesektor mittlerweile das am zweithäufigsten attackierte Ziel weltweit. Zwischen 2012 und 2013 erfolgten neun Angriffe täglich“, erklärt Candid Wueest von der Cyber-Sicherheitsfirma Symantec. Um einen Kontinent vom Netz zu nehmen, sind aber längst keine besonders versierten IT-Experten mehr notwendig. Dazu reicht bereits eine Gruppe entschlossener Terroristen. Ein Sprengstoffangriff auf die Transformatoren einiger großer Umspannwerke genügt völlig, wie Technikexperte Herschel Smith klarstellt: „Die Transformer wiegen Hunderte Tonnen und lassen sich nicht so schnell ersetzen – schon gar nicht ohne Strom. 300 bis 400 entschlossene Männer mit einem Kalender und einer Uhr reichen, um etwa die Wirtschaft der USA kollabieren zu lassen.“

Bislang ist Europa von einem großflächigen Stromausfall verschont geblieben – das macht nachlässig. „Notfallinfrastruktur kostet viel Geld und bringt erst einmal keinen konkreten Gegennutzen“, sagt Marc Elsberg. „Wir sollten uns aber nicht auf den Idealzustand verlassen, nur weil er nach jahrzehntelanger Ruhe so unerschütterlich zu sein scheint.“ Doch selbst der beste Krisenplan für den Umgang mit den Folgen einer Katastrophe ist wahrscheinlich wertlos, meint Christoph Revermann vom TAB: „Auf eine solche Situation kann man sich nicht vorbereiten. Wir können nur hoffen, dass der Fall nicht eintritt.“

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