Stromausfall

Blackout: Was passiert, wenn der Strom ausfällt? (1/2)

Bei einem Stromausfall springen überall Notstromaggregate an. Doch wenn sie versagen, kann nur noch eine sofortige Evakuierung Leben retten. Welt der Wunder blickt in die Notfallpläne der Regierung.

Stromausfall

© Imago/UPI Photo

Es dauert genau 17,7 Sekunden, um Mittel- und Westeuropa lahmzulegen. Von der Nordsee bis ans Mittelmeer gehen um Punkt 22.10 Uhr die Lichter aus. Blackout. Dunkelheit auf den Straßen, Fahrstühle und U-Bahnen bleiben stecken, kein Telefon funktioniert mehr. Auf den Monitoren in den Kraftwerks-Lagezentren blinkt Code Red: Das Netz ist tot. Zwar nur gebietsweise und nicht flächendeckend, aber dennoch sind insgesamt etwa 15 Millionen Haushalte ohne Strom. Manche bleiben es zwei Stunden lang, erst dann stehen die Leitungen wieder unter Spannung. Das Erstaunliche: Kein Anschlag, kein Hackerangriff, kein Orkan ist für diese Katastrophe verantwortlich, sondern das von Fachleuten geplante Abschalten zweier Hochspannungsleitungen über der Ems am 4. November 2006.

Im europäischen Maßstab ist dieser Ausfall im Stromnetz mit einem Schnitt in den Finger vergleichbar – eigentlich. Trotzdem kommt es zum Kreislaufkollaps. Aber wie kann ein Problem in Niedersachsen schlagartig das 1.800 Kilometer entfernte Sizilien vom Netz nehmen? Warum ist das Problem stundenlang nicht lösbar? Und was passiert, wenn Terroristen einen wirklichen Ernstfall herbeiführen und wir Stunden oder sogar Tage ohne Elektrizität auskommen müssen? Neue Studien zeigen: Die Zivilisation, wie wir sie kennen, ist weit zerbrechlicher, als die meisten denken …

Kann ein Schiff das Licht in Europa abschalten?

Marc Elsberg hat mehrere Jahre über die europäischen Energienetze recherchiert. Der Buchautor warnt vor den unterschätzten Gefahren eines Blackouts: „Strom ist wie das Blut im Körper. Beides muss fließen, sonst bricht das ganze System zusammen.“ Doch während in einem Menschen nur ein Herz schlägt, sind es in Europa Tausende Kraftwerke, Solaranlagen und Windräder, die nach einem komplizierten Schlüssel permanent Energie liefern – allein der Stromkreislauf Deutschlands ist insgesamt fast zwei Millionen Kilometer lang, etwa 45-mal rund um die Erde würden die Leitungen reichen. Und während unser Herz bei hohen und niedrigen Belastungen mal schneller und mal langsamer schlägt, muss Strom zu jedem Zeitpunkt mit einer Frequenz von exakt 50 Hertz pulsieren.

Genau 50-mal pro Sekunde müssen die Elektronen in den Leitungen ihre Richtung ändern, sonst drohen schwerste Schäden an der Infrastruktur. Im übertragenen Sinn muss also der Druck in den Leitungen immer gleich sein, egal, ob die Windparks im Norden wegen eines Hochdruckgebiets gerade keinen Strom produzieren und gleichzeitig Millionen Verbraucher im Süden ihre Klimaanlage anschalten. „Das Stromnetz ist das System der Systeme: Jeder einzelne von uns hängt 24 Stunden am Tag von ihm ab“, erklärt Elsberg. „Ohne Strom stürzt eine Gesellschaft zurück ins Mittelalter.“

Atomkraftwerke sind das schwächste Glied in der Kette

Längst haben Algorithmen die Herrschaft über das sogenannte Synchronous Grid of Continental Europe übernommen, das mit rund 700 Gigawatt Leistung größte einheitlich getaktete Netz der Erde. „Strom lässt sich kaum speichern“, sagt der Elektroingenieur Thomas Meyer. „Er muss einfach immer in der passenden Menge zur Verfügung stehen.“ In Bruchteilen von Sekunden kann eine Software vollautomatisch ganze Kraftwerke über 24 Länder hinweg von Bulgarien bis nach Portugal abschalten – teilweise mit verheerenden Folgen: Fast 100 Atomkraftwerke stehen in Europa, bei einem Blackout sind sie das schwächste Glied in der Kette: Nur ein einziger unkontrollierter Störfall könnte den Kontinent über die Ländergrenzen hinweg in den Abgrund reißen und wäre schlimmer als Fukushima und Tschernobyl zusammen.
In einem länderübergreifenden Stresstest der EU wiesen fast alle Atomkraftwerke Sicherheitsmängel auf: Zwar stehen Notstromaggregate zum Kühlen der Brennstäbe mit Treibstoff für mehrere Monate zur Verfügung, doch es ist fraglich, ob das Umschalten der hochkomplexen Systeme wirklich in allen Fällen funktioniert. In zwei skandinavischen Atomkraftwerken haben die Betreiber dafür weniger als eine Stunde Zeit, in einem Fall sogar nur 35 Minuten. Aber der Reihe nach …

Mehr als 400 Millionen Verbraucher zapfen Strom aus ein und demselben Kreislauf, sie hängen im übertragenen Sinn an einer einzigen Steckdose – mit teilweise fatalen Folgen: Als das fast 300 Meter lange Kreuzfahrtschiff „Norwegian Pearl“ am 4. November 2006 über die angestaute Ems in Richtung Nordsee fahren soll, müssen – um den Sicherheitsabstand zu wahren – zwei Hochspannungsleitungen abgeschaltet werden. Die fehlende Koordination zwischen einigen der insgesamt 41 europäischen Netzbetreiber führt dazu, dass eine andere Leitung überlastet ist, die deswegen aus Eigenschutz vollautomatisch abschaltet. Das löst eine verheerende Kettenreaktion aus. Denn aufgrund des Fehlers breitet sich die Überlastung in Sekundenbruchteilen wie ein Virus aus – überall schalten sich Leitungen ab. Erst nach stundenlangen erfolglosen Versuchen steht das Netz wieder. Doch was wäre, wenn die Techniker das nicht geschafft hätten?

Kann ein Stromausfall einen Krieg auslösen?

Bislang gibt es erst einen Beweis, dass ein Blackout eine westliche Zivilgesellschaft tatsächlich in bürgerkriegsähnliche Zustände katapultieren kann: Als im August 2005 Hurrikan „Katrina“ über die Südstaaten der USA hereinbricht, löst er eine Katastrophe aus, deren einzelne Facetten hier nicht alle Platz haben. Fakt ist: Zehntausende Menschen werden obdachlos, mehr als eine Million sind ohne Strom. Rettungsmannschaften gelangen durch überflutete Straßen nicht zu den Überlebenden. In den Hospitälern geht den Notstromaggregaten nach 48 Stunden die vorgeschriebene Treibstoffreserve aus: Beatmungsmaschinen schalten sich ab, lebenswichtige Medikamente gehen zur Neige. Ärzten bleibt nur noch, ihren Patienten Sterbehilfe zu leisten. Unruhen brechen aus, bewaffnete Banden überfallen Krankenhäuser und Supermärkte, um Vorräte zu rauben. Eine Arena wird zu einer Notunterkunft umfunktioniert, dort greifen aufgrund fehlender Toiletten und Medikamente Krankheiten um sich.

Nach drei Tagen erhalten Polizisten das Recht, wie in einem Krieg Plünderer zu erschießen – was sie auch tun. „Während ,Katrina‘ waren wir nicht in der wahren Welt, wir lebten in einem Holocaust“, sagt David Benelli, damals Polizeileutnant in New Orleans. Auch Deutschland ist längst nicht so sicher, wie viele vielleicht meinen. Schon eine lokale Störung reicht, um die Nation insgesamt an ihre Belastungsgrenze zu bringen. Als im Münsterland 2005 heftige Schneefälle 50 Hochspannungsmasten abknicken, bleibt eine Viertelmillion Menschen teilweise fünf Tage lang ohne Strom. Das Katastrophengebiet ist relativ klein, aus ganz Deutschland strömt Hilfe herbei – das verhindert das Ausbrechen von Unruhen. Doch in Wahrheit erreicht der Katastrophenschutz in diesen Tagen seine Maximalkapazität: Es gelingt nur mühsam, eine Notversorgung der Bevölkerung sicherzustellen, obwohl Feuerwehren und das Technische Hilfswerk so gut wie alle bundesweit verfügbaren Notstromaggregate herankarren. Wohlgemerkt: Von diesem Blackout sind insgesamt gerade einmal 250.000 Menschen betroffen, also 0,3 Prozent der deutschen Bevölkerung.

Was kostet ein Totalblackout pro Stunde?

Sollte in ganz Deutschland der Strom wie im Münsterland ausfallen, käme das einer Katastrophe gleich. „Nach 24 Stunden gäbe es kein Geld, keine Nahrung und keinen Verkehr mehr. Auch die Wasserversorgung und sämtliche Kommunikationsmittel würden innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen“, erklärt Christoph Revermann, der stellvertretende Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB).

Die Forschungsstelle hat 2011 zum ersten Mal ausführlich die Konsequenzen eines schweren Blackouts über viele Bundesländer untersucht. Das Fazit: „Die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern erfolgt über ein eng verflochtenes Netzwerk an ‚kritischen Infrastrukturen‘, die hochgradig verletzbar sind. Die Folgen eines Blackouts sind nicht beherrschbar, selbst unter Mobilisierung aller internen und externen Kräfte und Ressourcen.“ Die Berechnungen machen auch die wirtschaftlichen Dimensionen der Katastrophe deutlich: Rund 430 Millionen Euro verschlänge der Kollaps der Stromnetze im Durchschnitt allein in Deutschland – pro Stunde. Die Ergebnisse überraschen sogar die Experten: Bereits nach acht bis zehn Tagen wären die Folgen des Stromausfalls so katastrophal, dass die Studie nur noch einen notdürftigen Ausblick geben kann und abbrechen muss.

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