Psyche

Augen auf und durch! Wie die Angst uns stärker macht

Die Angst begleitet uns Menschen seit der Steinzeit. Früher war sie überlebenswichtig, heute macht sie immer öfter krank: Jeder fünfte Deutsche ist im Lauf seines Lebens betroffen. Gleichzeitig suchen Extremsportler bewusst das Risiko – und wachsen an der Grenzerfahrung.

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An den bloßen Fingerspitzen hängt die Sportlerin in der senkrechten Felswand. Ganz tief unten: der Abgrund. Jeder noch so kleine Fehler bedeutet jetzt den Tod. Nachvollziehbar, dass selbst professionelle Extremkletterer mit der nackten Angst zu kämpfen hat. Doch sie versetzt sie nicht in Panik. Ganz im Gegenteil: Denn erst die Angst ermöglicht ihnen die nötige Konzentration, um diese lebensgefährliche Situation zu meistern. Wir zeigen, wie man die Angst zulassen und sie zum Verbündeten machen kann – und warum es sich lohnt, die Komfortzone zu verlassen und Risiken einzugehen.

Leben im Zeitalter der Angst

Die Angst ist ein überlebenswichtiges Gefühl: Sie schützt uns vor Gefahrensituationen, macht uns erfinderisch und leistungsfähig. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet, ist die Angst so alt wie die Menschheit: Schon seit der Steinzeit hilft sie uns, Gefahren zu erkennen – und zu überleben. In entscheidenden Momenten leitet sie uns in die richtige Richtung. Trotzdem hat die Angst in unserer Gesellschaft ein schlechtes Image. Sie ist kein sozial erwünschtes Verhaltensmuster. Ängstliche Menschen gelten als schwach und angreifbar. Wenn die Auswirkungen der Angst besonders heftig sind, können sie uns enorm belasten, sogar krank machen. Offen über Ängste zu sprechen, gleicht einem Tabu. Doch wie es scheint, haben wir heute so viele Ängste wie nie zuvor in der menschlichen Entwicklung: Jeder fünfte Deutsche leidet mindestens einmal im Leben an einer behandlungswürdigen Angststörung, rund 60 Millionen EU-Bürger sind jährlich betroffen. So wird das Phänomen zum häufigsten psychischen Leiden unserer Tage. Noch nie beschäftigten sich so viele Forscher mit dem Thema Angst wie heute. Doch was ist Angst nun eigentlich genau, und ab wann wird sie zur Krankheit?

Es gibt zahllose Definitionen von Angst. Im Kern besagen sie: Angst ist eine unangenehme Emotion oder Stimmung, sie führt zu Anspannung und Besorgnis bis hin zu starken körperlichen Reaktionen. Zum psychischen Erleben kommen körperliche Symptome wie Herzrasen oder Atemnot. Der zentrale Ort, an dem diese Emotion gesteuert wird, ist unser Gehirn – sozusagen der Hauptbahnhof der Angst. Verschiedene Hirnregionen arbeiten dabei zusammen und bilden ein sogenanntes Angstnetzwerk. Im Ernstfall schütten sie in unserem Körper Stresshormone aus, etwa Adrenalin. Diese Botenstoffe lösen eine Kette von Reaktionen aus: Blutdruck und Puls schnellen nach oben, wir kommen ins Schwitzen, atmen schneller, beißen die Zähne zusammen.

Wo die Ängste herkommen

Psychologen haben oftmals Schwierigkeiten damit, die tatsächlichen Ursprünge der Angst aufzuspüren. Bei der Entstehung von Ängsten kann die Erziehung genauso eine Rolle spielen wie belastende Erfahrungen während der Kindheit. Auch mit unseren Genen können Ängste zusammenhängen und vererbt worden sein. Bei Erwachsenen können schmerzhafte Trennungen oder andere einschneidende Erlebnisse zur Entwicklung von Ängsten führen. Schon in der Antike beschäftigten sich Philosophen wie Hippokrates oder Aristoteles mit diesem Gefühlszustand. Die Welt ist heute allerdings wesentlich komplexer als damals, wir haben mehr Stress, der Alltag erscheint immer belastender. Wir sind sozial ganz anders eingebunden und vernetzt als früher, es gibt mehr Scheidungen und Single-Haushalte. Mehr Menschen wachsen als Einzelkinder auf und haben scheinbar allgemein weniger Vertrauen in andere. Scheinbar sind die wichtigen Beziehungen im Leben weniger belastbar geworden.

Angst zu haben ist nicht nur normal, sondern lebensnotwendig. Kletterer, Alpinisten und Extrembergsteiger gehören zu jenen Menschen, die ohne Wagemut und Risikofreude nicht weit kommen. Die Angst betrachtet er als seinen täglichen Begleiter, der ihn antreibt, bremst, schützt und leitet. Jeder Mensch, der extrem an sich arbeitet, ist instinktiv immer von der Angst getrieben. Sportler kämpfen ständig mit dem Leistungsdruck und der daraus resultierenden Angst. Wer die Angst erkennt und akzeptiert, ist schon auf dem richtigen Weg. Das gilt nicht nur für das Bergsteigen.

Ängste überwinden

Das Gefühl der Angst gehört zum Leben dazu. Doch wer an einer Angstkrankheit leidet, spürt die Symptome so stark, dass ein normaler Alltag manchmal kaum noch möglich erscheint. Dann sind guter Expertenrat und eine wirksame Therapie gefragt. Wer glaubt, sein Denken und Handeln im Griff zu haben, kann schnell anderes erleben. Wenn verschiedene Stressfaktoren unerwartet aufeinander treffen, kann die scheinbar so stabile Psyche schnell ins Wanken geraten. Doch auch scheinbar absurde, unverhältnismäßige Ängste haben ihre Daseinsberechtigung. Sie können ungeahnte Energien in uns freisetzen. Die Angst ist nur dann ein schlechter Berater, wenn man sich ihr nicht stellt. Eine überwundene Angst aber ist eine riesige Leistung. Wer einmal ein Problem gelöst hat, fällt beim nächsten Gegenwind nicht mehr so leicht um. Wer also seine Ängste akzeptiert, kann daran wachsen. So wird die Angst zum Freund – und bringt uns im Leben voran. 

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