Erfindungen

Als die Raupe in den Tee fiel: So wurde die Seide erfunden

Die Herstellung von Seide blieb über Jahrtausende das Geheimnis chinesischer Herrscher. Was viele nicht wussten: Hinter dem schimmernden Faden verbarg sich der Speichel einer Raupe.

© iStock-sofiaworld

Seide ist hauchzart, exquisit und begehrt – und das schon seit Jahrtausenden. Streng hüteten die Chinesen das Geheimnis ihrer Herstellung: Nur fertige Stoffe durften über die Seidenstraße ins Abendland gelangen. Demjenigen, der es wagte, die Eier oder Raupen des Seidenspinners außer Landes zu bringen, drohte die Todesstrafe. Zu leicht hätte die Konkurrenz im Abendland das Geheimnis ergründen können, das in dem unauffälligen Insekt steckte.

Verbotenes Geheimnis

Das Geheimnis des Seidenspinners wurde schon vor Tausenden von Jahren enthüllt. Zahlreiche Legenden ranken sich um die Entdeckung – nach der bekanntesten war es chinesische Kaiserin Si-Ling-Chi um 2.640 vor Christus, die auf die Idee kam. In ihrem Garten, so heißt es, nahm sie unter einem Maulbeerbaum eine Tasse Tee zu sich, als der Kokon einer Seidenspinnerraupe in ihr Getränk fiel. Beim Versuch, den fremden Gegenstand zu entfernen, hielt Si-Ling-Chi plötzlich einen Knäuel schimmernder Fasern in ihren Händen. So kam ihr die Idee, das feine Gespinst zu Stoff zu verarbeiten. Es war die Geburtsstunde der chinesischen Seidenindustrie. Der Kaiserin zu Ehren heißt die Faser im Chinesischen „si“. Davon abgeleitet ergibt sich „silk“ im Englischen, „seri“ im Japanischen, „soie“ im Französischen – und „Seide“ im Deutschen. 

Erst im sechsten Jahrhundert nach Christus lüfteten die Bewohner der westlichen Welt das Geheimnis der Seidenproduktion. Damals, im Jahre 555, sandte der byzantinische Kaiser Justinian zwei Mönche nach China, die ein Rezept zur eigenen Seidenherstellung ausfindig machen sollten. Ihr Wissen erwarben die Mönche während ihres langjährigen Aufenthalts in China. Nun galt es nur noch die notwendigen Utensilien herauszuschmuggeln. In ihren Bambusstöcken – Kennzeichen ihres Pilgerstatus – verbargen die Mönche Raupeneier und Maulbeersamen. Diese List hatte Erfolg: Noch heute stammen sämtliche europäischen Seidenspinnerraupen von der verbotenen Fracht ab, die die beiden Mönche ins oströmische Reich brachten.

Widerstandsfähiger als Stacheldraht

Übrigens produziert die Raupe des Maulbeerspinners „Bombyx mori“ die reinste Seide. Der begehrte Faden entsteht im Inneren des Raupenkörpers in einem komplexen Drüsenapparat. Er besteht aus zwei paarigen Spinndrüsen und ist ausgestreckt drei Mal so lang wie die ganze Raupe. Im hinteren Teil der Drüsen produziert die Raupe eine eiweißhaltige, hornähnliche Substanz, das Fibroin. Im mittleren Teil wird der Fibroin-Faden von einer klebrigen Masse, dem Seidenbast beziehungsweise Sericin, umhüllt. Der Drüsenapparat endet am Unterkiefer der Raupe in die Spinnpresse. Dort werden die beiden klebrig umhüllten Eiweißfäden nach außen gedrückt. Eigentlich besteht jeder Seidenfaden also aus zwei Fäden – hauchdünn und zusammengeklebt.

Der Faden kann endlos lang werden und läuft auch sonst außer Konkurrenz: Weich ist er, geschmeidig und knitterfrei. Das Eiweiß macht ihn hautähnlich und damit auch hautverträglich. Seide ist die feinste und elastischste Naturfaser der Welt: Ein Faden von einem Meter Länge kann sich um mehr als 15 Zentimeter dehnen, ohne zu reißen. Das macht sie widerstandsfähiger als Stacheldraht. Zudem wirkt Seide temperaturregulierend: Sie kühlt bei Hitze, wärmt bei Kälte und saugt bis zu dreißig Prozent ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit auf, ohne sich nass anzufühlen. Außerdem brechen kleinste Unebenheiten einfallendes Licht wie ein Prisma. Das ist der Grund für ihren schimmernden Glanz.

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